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Bericht des Ibn Fadlan über die Rus – Übersetzung v. 1823

IBN FADLAN ÜBER DIE HEIDNISCHEN RUSSEN
(HAMBURGER PHILOLOGISCHE STUDIEN, C.M. FRAEHN)
Ibn Fadlan’s und anderer Araber Berichte über die Russen älterer Zeit (1823)

Der Text ist in seiner ursprünglichen Fassung von 1823 wiedergegeben, aber in modernem Deutsch korrigiert.
Der genannte Autor des Urtextes, ist der arabische Diplomat und Reiseschriftsteller Ibn Fadlan, einer der wichtigsten Zeitzeugen der damaligen Zeit, der viele Schriften über die Rus hinterlassen hat.

RUS, auch Rs geschrieben, ist ein Volk, dessen Land an das der Slawen und Türken gränzt. Sie haben ihre eigene Sprache, und eine Religion und ein göttlich Gesetz, worin sie mit keinem andern etwas gemein haben.
Mukadesi sagt: sie wohnen auf der Insel Wabia, die ein See umgibt und die ihnen als Burg gegen diejenigen dient, welche ihnen etwas anhaben wollen. Ihre Zahl schätzt man auf Hunderttausend. Saaten (Felder) und Herden haben sie nicht. Die Slawen tun Streifzüge gegen sie, und nehmen ihnen ihre Habe.
Wird einem von ihnen ein Sohn geboren, so wirft er dem ein Schwert hin und spricht:
„Dein ist nur das, was du dir mit deinem Schwerte erwirbst.“
Wenn ihr König (melik) zwischen zwei Widersachern einen richterlichen Ausspruch getan und diese damit nicht zufrieden sind, so spricht er zu ihnen:
„Richtet unter euch selber mit euren Schwertern. Wessen Schwert dann das schärfste ist, dessen ist der Sieg.“
Die Russen sind es, die sich der Stadt Berda’a im Jahr . . bemeisterten, und diese hart mitnahmen; bis Gott sie von da zurück schlug und sie vertilgte.
Ich habe eine kleine Schrift gelesen, welche den A’hmed ben (Sohn) Fadlan, ben ‚Abbas, ben Raschid, ben ‚Hammad, den Schutzgenossen von Mu’hammed ben Suleiman, und Gesandten (des Khalifen) Muktedir’s an den König der Slawen, Reise von Baghdad aus und auf seiner Heimkehr sahe. Was er darin (von den Russen) erzählt, gebe ich hier, nicht ohne Verwunderung, wieder.
„Ich sah die Russen, sagt er, wie sie mit ihren Waaren angekommen waren und sich am Fluss Itil (Wolga) gelagert hatten. Nie sah ich Leute von ausgewachsenerm Körperbau; sie sind hoch wie Palmbäume, fleischfarben und rot.
Sie tragen keine Kamisöler, auch keine Khaftane. Bei ihnen trägt der Mann ein grobes Gewand, das er um eine seiner Seiten herumwirft, so dass ihm eine Hand frei bleibt. Jeder führt eine Axt, ein Messer (Dolch), und ein Schwert bei sich. Ohne diese Waffen sieht man sie niemals. Ihre Schwerter sind breit, wellenförmig gestreift und von Europäischer Arbeit. Auf der einen Seite derselben befinden sich, von der Spitze bis zum Halse, Bäume, Figuren, und mehr dergleichen dargestellt. Die Weiber haben auf der Brust eine kleine Büchse angebunden, von Eisen, Kupfer, Silber oder Gold, dem Verhältnisse des Vermögens ihres Mannes und seinen Umständen angemessen. An dem Büchsen ist ein Ring, und an dem ein Messer, ebenfalls auf der Brust befestigt. Um den Hand tragen sie goldene und silberne Ketten. Wenn der Mann nämlich zehntausend Dirham (Silberstücke) besitzt, lässt er seiner Frau eine Kette machen; hat er Zwanzigtausend, bekoömmt sie zwei Halsketten; und so erhält seine Frau, so oft er zehntausend Dirham reicher wird, eine Kette mehr. Daher befindet sich oft eine ganze Menge Ketten an dem Halse einer Russischen Frau. Ihr größter Schmuck besteht in grünen Glasperlen (Jade) von der Art, wie sie sich auf den Schiffen finden. Sie übertreiben’s damit, zahlen einen Dirham für so eine Glasperle und reihen sie für ihre Weiber zum Halsbande.
Sie sind die unsaubersten Menschen, die Gott geschaffen hat: sie reinigen sich nicht, wenn sie ein natürlich Bedürfnis verrichtet, und waschen sich eben so wenig, wenn sie sich nächtlich befleckt; wie wenn sie wild herumlaufende Esel wären.

Sie kommen aus ihrem Lande, legen ihre Schiffe im Itil (Wolga), welches ein grosser Fluss ist, vor Anker und bauen sich an dessen Ufern grosse Häuser von Holz. In so einem Hause leben ihrer zehn oder zwanzig, auch mehr oder weniger, zusammen. Jeder von ihnen hat eine Ruhebank, worauf er und mit ihm seine Mädchen und die Schönen, die zum verhandeln bestimmt sind, sitzen. Da vergnügt sich denn wohl einer mit seinen Mädchen, während sein Freund zusieht. Ja zuweilen befinden sich (gleich) mehrere von ihnen zugleich in solch einer (prekären) Lage, einer Angesichts (Beisein) des Andern. Es trifft sich auch wohl, dass ein Kaufmann zu ihnen ins Haus tritt, um ein Mädchen zu kaufen, und da den Herrn dasselbe (in diesem Moment) in Lust umarmend überrascht, der auch dann nicht eher davon ablässt, als bis er seine Lust gestillt hat.

Jeden Tag waschen sie sich regelmässig mit dem schmutzigsten und unreinlichsten Wasser, das es nur geben kann, Gesicht und Kopf. Alle Morgen nämlich kommt das Mädchen und bringt eine grosse Schale mit Wasser, die sie vor ihren Herrn stellt. Der wäscht sich darin Gesicht und Hände, auch alle seine Haare wäscht er und kämmt sie mit dem Kamm in die Schüssel aus. Drauf schneutzt er sich und spuckt in’s Gefäss; und läßt keinen Schmutz zurück, sondern tut ihn in dieses Wasser ab. Wenn er, was nötig war, verrichtet (beendet hat), trägt das Mädchen die(selbe) Schüssel zu dem, der ihm zunächst (zum nächsten) ist. Der macht’s wie jener (genauso).
Sie aber fährt fort, die Schüssel von dem einen weg und zu dem andern hin zu tragen, bis sie bei allen, die im Hause sind, herumgewesen (reihum) ist, von denen jeder sich schneutzt, in die Schüssel spuckt, und Gesicht und Haare in derselben wäscht.

Pfahlgötze

Pfahlgötze

So bald ihre Schiffe an diesen Ankerplatz gelangt sind, geht jeder von ihnen an’s Land, hat Brot, Fleisch, Zwiebeln, Milch und berauschend Getränk bei sich, und begibt sich zu einem aufgerichteten hohen Holze, das wie ein menschlich Gesicht hat (Pfahlgötze) und von kleinen Statuen umgeben ist, hinter welchen sich noch andere hohe Hölzer aufgerichtet befinden.

Er tritt zu der grossen hölzernen Figur, wirft sich vor ihr zur Erde nieder und spricht:
„o mein Herr! ich bin aus fernem Lande gekommen, führe so und so viel Mädchen mit mir, und von Zobeln so und so viel Felle;“ und wenn er so alle seine mitgebrachte Handelsware aufgezählt, fährt er fort: „Dir hab‘ ich dies Geschenk gebracht,“ legt dann, was er gebracht vor die hölzerne Statüe, und sagt: „ich wünsche, Du bescherest mir einen Käufer, der brav Gold- und Silberstücke hat, der mir abkauft alles, was ich möchte, und der mir in keiner meiner Forderungen zuwider ist.“
Dies gesagt, geht er weg.

Wenn nun sein Handel schlecht geht und sein Aufenthalt sich zu sehr verzieht: so kommt er wieder und bringt ein zweites, und abermal ein drittes Geschenk. Und hat er noch immer Schwierigkeit zu erreichen, was er wünscht: so bringt er einer von jenen kleinen Statuen ein Geschenk dar, und bittet sie um Fürsprache, indem er sagt:
„dies sind ja unsers Herrn Frauen und Töchter.“
Und so fährt er fort, jede Statue eine nach der andern an zu gehen, sie zu bitten, um Fürsprache an zu flehn und sich vor ihr in Demut zu verbeugen.

Oft geht dann sein Handel leicht und gut, und er verkauft all seine mitgebrachte Ware. Da sagt er: „mein Herr hat mein Begehr erfüllt. Jetzt ist es meine Pflicht, ihm zu vergelten.“
Drauf nimmt er eine Anzahl Rinder und Schafe, schlachtet sie, gibt einen Teil des Fleisches an die Armen, trägt des Rest vor jene grosse Statue und vor die um sie herumstehenden Kleinen, und hängt die Köpfe der Schafe und Rinder an jenes Holz auf, das (hinter den kleinern) in der Erde aufgerichtet steht.
In der Nacht aber kommen die Hunde und verzehren alles. Dann ruft der, der es hinlegte, aus:
„Mein Herr hat an mir Wohlgefallen; er hat mein Geschenk verzehrt.“

Wird einer von ihnen krank: so schlagen sie ihm, entfernt von sich, ein Gezelt auf; in dasselbe legen sie ihn und lassen neben ihm etwas Brot und Wasser zurück. Nahe zu ihm treten sie dann nie, sprechen auch nicht mit ihm, ja, was noch mehr ist, sie besuchen ihn nicht einmal in all der Zeit (die er krank liegt), besonders wenn es ein Armer oder ein Sklave ist.
Wenn er genesen und von seinem Krankenlager aufsteht: so begibt er sich zu den Seinigen zurück.
Stirbt er aber, so verbrennen sie ihn; jedoch, ist’s ein Sklave, lassen sie ihn, wie er ist, bis er endlich eine Beute der Hunde und Raubvögel wird.

Ertappen sie einen Dieb oder Räuber: so führen sie ihn zu einem hohen dicken Baume, schlingen ihm einen dauerhaften Strick um den Hals, knüpfen ihn damit an denselben auf und lassen ihn hangen, bis er durch Wund und Regen aufgelöst in Stücke zerfällt.

Man sagte mir, sie trieben mit ihren Oberhäuptern Dinge, wovon das Verbrennen noch das geringste ausmache. Ich wünschte diese (Zeremonien) näher kennen zu lernen, als man mir endlich den Tod eines ihrer Grossen berichtete.

Den legten sie in sein Grab und versahen es über ihm mit einem Dache für zehn Tage, bis sie mit dem Zuschneiden und Nähen seiner Kleider fertig waren.
Zwar, ist es ein armer Mann, so bauen sie für ihn ein kleines Schiff, legen ihn hinein und verbrennen es.

Beim Tode eines Reichen aber sammeln sie seine Habe und teilen sie in drei Theile.
Das eine Dritteil ist für seine Familie, für das Zweite schneiden sie ihm Kleider zu, für das Dritte kaufen sie berauschend Getränk, um es an dem Tage zu trinken, wo das Mädchen sich dem Tode Preis gibt und mit ihrem Herrn verbrannt wird.

Sie überlassen sich aber dem Genusse des Weins auf eine unsinnige Weise und trinken ihn Tag und Nacht hindurch. Oft stirbt unter ihnen einer mit dem Becher in der Hand.

Wenn ein Oberhaupt von ihnen gestorben ist: so fragt seine Familie dessen Mädchen und Knaben:
„Wer von euch will mit ihm sterben?“ Dann antwortet einer von ihnen: „ich.“
Wenn er dies Wort ausgesprochen: so ist er gebunden, und es bleibt ihm nicht frei gestellt, sich jemals zurück zu ziehen; und, wollt‘ er es ja, so lässt man ihn nicht.
Grösstenteils aber sind es die Mädchen die es tun. Als daher jener Mann, dessen ich oben erwähnte gestorben war; so fragten sie seine Mädchen: „wer will mit‘ ihm sterben?“ Eine von ihnen antwortete: „ich.“
Da vertraute man sie zweien Mädchen an, die mussten sie bewachen, und sie überall, wo hin sie nur ging, begleiten, ja bisweilen wuschen sie ihr sogar die Füsse.

Die Leute fingen dann an, die Kleider für ihn zu zu schneiden und alles, was sonst erforderlich ist, zu zu bereiten. Das Mädchen trank indes alle Tage, sang und war fröhlich und vergnügt.

Als nun der Tag gekommen war, an dem der Verstorbene und das Mädchen verbrannt werden sollten, ging ich an den Fluss, in dem sein Schiff lag. Aber dies war schon an’s Land gezogen; vier Eckblöcke von Chalendsch – und anderm Holze wurden für dasselbe zurecht gestellt, und um dasselbe herum wieder grosse, Menschen ähnliche Figuren von Holz. Drauf zog man das Schiff herbei und setzte es auf das gedachte Holz.

Die Leute fingen indess an ab- und zu zu gehn, und sprachen Worte, die ich nicht verstandt. Der Tote aber lag noch entfernt in seinem Grabe, aus dem sie ihn noch nicht herausgenommen hatten. Darauf brachten sie mit wattierten, gesteppten Tüchern, mit griechischem Goldstoff(Brokat) und mit Kopfkissen von demselben Stoffe.
Alsdann kam ein altes Weib, das sie den Todesengel nennen, und spreitete die erwähnten Sachen auf der Ruhebank aus. Sie ist es, die das Nähen der Kleider und die ganze Ausrüstung besorgte, sie auch, die das Mädchen tötet.
Ich sah sie, es war ein Teufel mit finstern, grimmigen Blicke.
Als sie zu seinem Grabe kamen, räumten sie die Erde von dem Holze (dem hölzernen Dache), schafften dies selbst weg und zogen den Toten in dem Leichentuche, in welchem er gestorben war, heraus. Da sah ich, wie er von der Kälte des Landes ganz schwarz geworden war. Mit ihm aber hatten sie in sein Grab berauschend Getränke, Früchte und eine Laute getan, welches alles sie nun auch heraus zogen.
Der Verstorbene aber hatte sich, die Farbe ausgenommen, nicht verändert.
Ihn bekleideten sie dann mit Unterbeinkleidern, Oberhosen, Stiefeln, einem Kurtak und Khaftan von Goldstoff(Brokat) mit goldenen Knöpfen, und setzten ihm eine goldstoffene Mütze mit Zobel besetzt auf.
Darauf trugen sie ihn in das auf dem Schiffe befindliche Gezelt, setzten ihn auf die mit Watte gesteppte Decke, unterstützten ihn mit Kopfkissen, brachten berauschend Getränk, Früchte und Basilienkraut und legten sie vor ihn hin.
Hierauf brachten sie einen Hund, schnitten ihn in zwei Teile und warfen die in’s Schiff; legten dann alle seine Waffen ihm zur Seite; führten zwei Pferde herbei, die sie so lange jagten, bis sie von Schweiss troffen, worauf sie sie mit ihren Schwertern zerhieben und das Fleisch derselben in’s Schiff warfen.
Alsdann wurden zwei Ochsen herbeigeführt, und ebenfalls zerhauen und in’s Schiff geworfen.
Endlich brachten sie einen Hahn und ein Huhn, schlachteten auch die und warfen sie eben dahinein.

Das Mädchen, das sich dem Tode geweiht hatte, ging indes ab und zu, und trat in eins der Zelte, die sie dort hatten. Da legte sich der Inwohner desselben zu ihr und sprach: „sag deinem Herrn, nur aus Liebe zu Dir tat ich dies.“

Als es nun Freitag Nachmittag war, so führte man das Mädchen zu einem Dinge hin, das sie gemacht hatten, und das dem vorspringenden Gesims einer Tür glich. Sie setzte ihre Füsse auf die flachen Hände der Männer, sah auf dieses Gesims hinab und sprach dabei etwas in ihrer Sprache, worauf sie sie herunter liessen. Dann liessen sie sie wieder aufsteigen, und sie tat, wie das erste Mal. Wieder liess man sie herunter und zum dritten Male aufsteigen, wo sie sich wie die beiden ersten Male, benahm.
Alsdann reichten sie ihr eine Henne hin, der schnitt sie den Kopf ab und warf ihn weg. Die Henne aber nahm man und warf sie in’s Schiff.
ich erkundigte mich beim Dolmetscher nach dem, was sie getan hätte.
Das erste Mal (war seine Antwort) sagte sie: „Sieh! hier seh‘ ich meinen Vater und meine Mutter;“
das zweite Mal: „Sieh! jetzt seh‘ ich alle meine verstorbenen Anverwandten sitzen;“
das dritte Mal aber: „Siehe! dort ist mein Herr, er sitzt im Paradiese. Das Paradies ist so schön, so grün. Bei ihm sind die Männer und Knaben. Er ruft mich; so bringt mich denn zu ihm.“
Da führten sie sie zum Schiffe hin. Sie aber zog ihre beiden Armbänder ab und gab sie dem Weibe, das man den Todesengel nennt und das sie morden wird. Auch ihre beiden Beinringe zog sie ab und reichte sie den zwei ihr dienenden Mädchen, die die Töchter des Todesengel Genannten sind.
Dann hob man sie auf’s Schiff, liess sie aber noch nicht in das Gezelt.
Nun kamen Männer herbei mit Schildern und Stäben, und reichten ihr einen Becher berauschenden Getränkes. Sie nahm ihn, sang dazu und leerte ihn. Hiemit, sagte mir der Dolmetscher, nimmt sie von ihren Lieben Abschied.
Drauf ward ihr ein anderer Becher gereicht. Sie nahm auch den und stimmte ein langes Lied an.
Da hies die Alte sie eilen, den Becher zu leeren und in das Zelt, wo ihr Herr lag, zu treten.

Das Mädchen aber war bestürzt und unentschlossen geworden; sie wollte schon in’s Gezelt gehen, steckte jedoch (nur) den Kopf zwischen Zelt und Schiff. Stracks nahm die Alte sie beim Kopfe, brachte sie in’s Gezelt, und trat selbst mit ihr hinein. Sofort begannen die Männer mit den Stäben auf ihre Schilder zu schlagen, auf dass kein Laut ihres Geschreies gehört würde, der andere Mädchen erschrecken und abgeneigt machen könnte, dermal einst auch den Tod mit ihrem Herrn zu verlangen.

Dann traten sechs Männer in’s Gezelt und wohnten samt und sonders dem Mädchen bei. Drauf streckten sie sie an die Seite ihres Herrn. Und es fassten sie zwei bei den Füssen, zwei bei den Händen. Und die Alte, die da Todesengel heisst, legte ihr einen Strick um den Hals, reichte ihn zwei von den Männern hin, um ihn an zu ziehen, trat selbst mit einem grossen breitklingigen Messer hinzu und stiess ihr das zwischen die Rippen hinein, worauf sie es wieder heraus zog. Die beiden Männer aber würgeten sie mit dem Stricke, bis sie tot war.

Nun trat nackend der nächste Anverwandte des Verstorbenen hinzu, nahm ein Stück Holz, zündete das an, ging rückwärtig zum Schiffe, das Holz in der einen Hand, die andere Hand auf seinem Hinterteil haltend, bis das unter das Schiff gelegte Holz angezündet war. Drauf kamen auch die übrigen mit Zündhölzern und anderem Holze herbei; jeder trug ein Stück, das oben schon brannte, und warf es auf jenen Holzhaufen.

Bald ergriff das Feuer denselben, bald hernach das Schiff, dann das Gezelt und den Mann und das Mädchen und alles, was im Schiffe war. Da blies ein fürchterlicher Sturm, wodurch die Flamme verstärkt und die Lohe noch mehr angefacht wurde.

Mir zur Seiten befand sich einer von den Russen, den hört‘ ich mit dem Dolmetscher, der neben ihm stand sprechen. Ich fragte den Dolmetscher, was ihm der Russe gesagt und erhielt die Antwort:
„ihr Araber, sagte er, seid doch ein dummes Volk: ihr nehmt den, der euch der geliebteste und geehrteste unter den Menschen ist, und werft ihn in die Erde, wo ihn die kriechenden Tiere und Würmer fressen. Wir dagegen verbrennen ihn in einem Nu, so dass er unverzüglich und sonder Aufenthalt in’s Paradies eingeht.“
Dann brach er in ein unbändig Lachen aus, und setzte drauf hinzu:
„seines Herrn (Gottes) Liebe zu ihm macht’s dass schon der Wind weht, und ihn in einem Augenblicke wegraffen wird.“
Und in Wahrheit, es verging keine Stunde, so war Schiff und Holz und Mädchen mit dem Verstorbenen zu Asche geworden.

Darauf führten sie über dem Orte, wo das aus dem Flusse gezogene Schiff gestanden, etwas einem runden Hügel ähnliches auf, errichteten in dessen Mitte ein grosses Büchen Holz und schrieben darauf den Namen des Verstorbenen, nebst dem des Königs der Russen. Alsdann begaben sie sich weg.

Es ist bei den Königen der Russen Brauch, dass sich mit dem Könige in seiner Burg (oder Palast) vierhundert der Tapfersten und Zuverlässigsten von seinem Gefolge befinden, die mit ihm zu sterben oder für ihn ihr Leben zu opfern bereit sind.
Jeder derselben hat ein Mädchen, das ihn bedient, ihm seinen Kopf wäscht und Essen und Trinken bereitet; aber neben diesem hat er noch ein anderes Mädchen, das ihm als Beischläferinn dient.

Diese vierhundert sitzen unten an des Königs Hochsitz, welcher gross und mit kostbaren Edelsteinen verziert ist. Auf dem Hochsitz selbst lässt er vierzig Mädchen, die für sein Bett bestimmt sind, bei sich sitzen.

Zuweilen vergnügt er sich wohl mit einer derselben in Gegenwart der erwähnten Edeln seines Gefolges.
Von seinem Hochsitze steigt er nicht herunter.

Wenn er daher ein Naturbedürfnis befriedigen will, tut er es vermittelst einer Schale; will er ausreiten, so führt man ihm sein Pferd bis zum Hochsitze hin, von wo ab er es besteigt; und will er absteigen, so reitet er so nahe an denselben, dass er auf ihn wieder absitzen kann.
Er hat einen Stellvertreter, der seine Heere anführt, mit den Feinden kriegt, und seine Stelle bei seinen Untertanen vertritt.“

Dies sind die Nachrichten, die ich buchstäblich aus Ibn Fadlan’s Schrift entlehnt. Für die Zuverlässigkeit derselben mag der Autor bürgen. Gott weiss es besser, (als wir alle, ob es seine Richtigkeit damit habe).
Was die Russen jetziger Zeit anbetrifft, so weiss man, dass sie sich zur Christlichen Religion bekennen.

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