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Caesar in Gallien

Interessant dürfte sein mal die Einschätzung früherer Historiker zu den Ausführungen Caesars in De Bello Gallico zu hören. Natürlich muss man das unter dem Gesichtspunkt des Wissens betrachten der 1920 herrschte, z.b. angenommene Besiedlungsdichte, der Vergleich mit einer dt. Armee des 1. Weltkrieges und ähnliches.

Doch zu Anfang eine kleine Aufrechnung zu Xerxes Invasionsheer in Griechenland

Das Heer, das Xerxes nach Griechenland führte, wird von Herodot ganz genau auf 4.200.000 Mann mit dem Troß angegeben. Ein Armeekorps, das sind 30.000 Mann, nimmt nach der deutschen Marschordnung etwa drei Meilen ein (ohne den Fuhrpark). Die Marschkolonne der Perser wäre also 420 Meilen lang gewesen, und als die Ersten vor Thermopylä ankamen, hätten die Letzten gerade aus Susa jenseits des Tigris ausmarschieren können.
Ein deutsches Armeekorps führt Artillerie und Munitionskarren mit sich, die viel Raum einnehmen, und insofern wäre ein antikes Heer auf geringerem Raum unterzubringen. Auf der anderen Seite hatte ein persisches Heer ganz gewiß nur eine sehr geringe Marschdisziplin, die nur bei sehr feiner Gliederung des Heeresorganismus mit unausgesetzter Aufmerksamkeit und Anspannung erreicht werden kann. Ohne Marschdisziplin verlängern sich die Kolonnen sehr schnell auf das Doppelte und Dreifache der Ausdehnung. Persische Truppen dürfen daher, auch ohne Artillerie, etwa mit modernen Truppen in Marschraumbedürfnis gleichgesetzt werden.

Nach dem Abzug des Xerxes mit dem großen Heer soll Mardonius mit 300.000 Mann zurückgeblieben sein, aber auch diese Zahl hat keinen Anspruch auf Glaubwürdigkeit. Nach Herodots Erzählung ist Mardonius, als er zum zweiten Male Athen zerstört hatte, von dort über Dekelea zurück nach Tanagra und am folgenden Tage weiter marschiert. So kann kein Heer von 300.000 Mann marschieren. Selbst wenn ein Teil des Perserheeres in Böotien zurückgeblieben war und nicht bloß der Paß von Dekelea, sondern alle Pässe über das Gebirge zugleich benutzt wurden, kann das Heer nicht mehr als etwa 75.000 Krieger (eingeschlossen die verbündeten Griechen) gezählt haben.

Auszüge aus Hans Delbrücks „Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte“, Berlin 1920, Teil 1, S. 489-553

Einleitung.

Wir haben bisher vorzugsweise die Methode verfolgt, unter Beiseitesetzung der Chronologie zuerst systematisch oder in Behandlung einer besonderen Schlacht von der Taktik der Epoche eine sichere Anschauung zu gewinnen und dann erst von diesem festen Punkt ausgehend zur Untersuchung der Strategie fortzuschreiten. Bei Cäsar ist es nicht nötig, so zu verfahren. Alle einzelnen Elemente seiner Feldherrnkunst sind uns bereits bekannt; wir haben nur zu zeigen, wie er in ihrer Anwendung die Kriegskunst des Altertums auf ihren Höhepunkt gebracht hat und selber deshalb als der größte Künstler der Antike anzusehen ist.

So eingehend und vorzüglich wir durch Cäsars eigene Schriften über seine Feldzüge unterrichtet sind, so bleiben wir doch unter dem Mangel der einseitigen Berichterstattung. Selbst über den Bürgerkrieg sind die Überlieferungen aus dem pompejanisch-senatorischen Lager verschwindend gering und unsicher im Verhältnis zu der breiten Erzählung Cäsars und seiner Anhänger, und über die gallisch-germanischen Kriege haben wir schlechthin nur die Aussagen der siegreichen Römer. Das darf man keinen Augenblick vergessen, und man kann auch nicht sagen, daß die Kritik es bisher vergessen habe, aber sie konnte, so zu sagen, nichts machen, sie war hilflos. So unermeßlich die Fülle der erläuternden Schriften zu den Cäsarischen Kriegen ist, so ist die Kritik doch noch nicht wirklich durchgedrungen. Es fehlten ihr die Mittel, dem großen Feldherrn, der zugleich sein eigener und nicht minder großer Historiker ist, zu Leibe zu gehen und durch seine Darstellung hindurch den Dingen auf den Grund zu kommen. Dazu gehörten Werkzeuge, die erst allmählich, in langer, aneinanderschließender Arbeit zu schaffen waren, eine Erkenntnis der Organisation und Taktik der Truppen, der Bedeutung der technischen Ausdrücke, geographische und topographische Untersuchungen und statistische Feststellungen über die Heereszahlen. Alle diese Vorbedingungen sind heute durch die generationenlangen Arbeiten von Philologen, Archäologen, Historikern und Militärs, durch Reisen, Ausgrabungen und methodische Vergleichungen so weit gefördert, daß die Kritik es wagen darf, den Kampf mit dem Titanen aufzunehmen, ihm ins Auge zu schauen und ihn zu zwingen, sich in seinem objektiven Sein zu enthüllen.

1. Von den älteren Werken über das Kriegswesen Cäsars sind die wichtigsten und noch heute heranzuziehen W. RÜSTOW »Heerwesen und Kriegführung C. Julius Cäsars«, 2. Aufl. 1862, und Freih. Aug. v. GÖLER, Großh. badischer Generalmajor, »Cäsars gallischer Krieg und Teile seines Bürgerkrieges«, 2. Aufl., herausg. v. E. A. v. Göler 1880. Eine Neubearbeitung des ganzen Stoffes unter sorgfältiger Benutzung der gesamten neueren Literatur bietet FRANZ FRÖHLICH, Das Kriegswesen Cäsars. 1889 u. 1890. Einige Ausstellungen an diesem Buche, aber nicht gerade sehr wesentliche, hat Fr. Cauer gemacht in der Hist. Zeitschr. Bd. 64 S. 123 und Bd. 66 S. 288. Sehr eingehend hat gegen eine Reihe von Punkten polemisiert Oberst Stoffel in der Revue de philologie Bd. XV (1891).

Das Leben Cäsars von NAPOLEON III. ist mit zwei Bänden nicht über den gallischen Krieg hinausgekommen und bricht mit der Überschreitung des Rubicon ab. Wenn es auch als schriftstellerische Leistung nicht gerade hoch steht, so ist es wissenschaftlich doch immer heranzuziehen und durch geographische Untersuchungen, Ausgrabungen und Experimente, zu denen es Veranlassung gegeben hat, von hohem Verdienst. Sehr viel höher aber steht die Fortsetzung »Histoire de Jules César, guerre civile, par le colonel Stoffel.« Zwei Bände in Großquart 1887. Oberst Stoffel war als Flügel- Adjutant des Kaisers schon bei den Vorarbeiten, die dieser machen ließ, sehr beteiligt, hat auch in den Jahren 1866 bis 1870, während seines Aufenthaltes in Berlin, noch daran gearbeitet und, nachdem die Kriegsereignisse die Arbeiten unterbrochen und dem öffentlichen Leben des Obersten wie seines kaiserlichen Heern ein Ende bereitet, die Arbeiten im Jahre 1879 wieder aufgenommen und sie unter Bereisung aller Kriegsschauplätze und Schlachtfelder Cäsars zu Ende geführt. Auf Schritt und Tritt bedeutet dieses Werk den wesentlichsten Fortschritt. Stoffel ist ebensosehr der wirkliche Gelehrte, dem auch nicht der leiseste Schimmer von Dilettantismus anhaftet, wie er der kriegserfahrene Soldat ist. Wenn ich trotzdem ziemlich häufig von ihm abweiche, so gehen diese Abweichungen wohl alle auf eine einzige tiefgehende Differenz zurück, den Grad der Skepsis und der Kritik, den ich Cäsars eigener Erzählung gegenüber für geboten halte und durch ein von Stoffel vernachlässigtes Moment, das statistische, zu begründen hoffe.

Außer dem Bürgerkrieg hat Oberst Stoffel als Nachtrag zu dem Werke des Kaisers noch eine sehr wertvolle Monographie über die beiden ersten Feldzüge des gallischen Krieges veröffentlicht: »Guerre de César et d’Arioviste et premières opérations de César en l’an 702 par le colonel Stoffel.« Paris 1890. 164 S. 40.

Eben indem ich die letzte Feile an dieses Kapitel legen will, um das Manuskript in die Druckerei zu schicken, gelangt noch »Caesars conquest of Gaule by T. Rice Holmes«, London 1899, 845 Seiten, in meine Hände. Es ist ein ebenso gelehrtes wie scharfsinniges Buch, das noch den besonderen Vorzug hat, mit einem reizenden Humor zu polemisieren, und alles, was sich unter irgend einem Gesichtspunkt auf das bellum Gallicum bezieht, in sich vereinigt. Ich begegne mich mit ihm in der Wertschätzung, die wir den Arbeiten und dem Urteil Stoffels entgegenbringen. Wo ich von ihm abweiche, was doch ebenso wie bei Stoffel ziemlich häufig ist, werde ich das noch besonders begründen.

Im übrigen verweise ich für die Literatur neben JÄHNS, Geschichte der Kriegswissenschaften, auf desselben Verfassers sehr eingehende Studie »Cäsars Kommentarien und ihre literarische und kriegswissenschaftliche Folgewirkung«, VII. Beiheft zum Milit. Woch. Bl. 1883, der ich mehrere wichtige Zitate und Beobachtungen verdanke.

1906 ist die Cäsar-Literatur vermehrt worden durch das Werk des k. k. Oberleutnants G. VEITH »Geschichte der Feldzüge C. Julius Cäsars« (Wien, L. W. Seidel und Sohn). So groß das Werk angelegt ist, so bedeutet es doch keinen wissenschaftlichen Fortschritt. Der Verfasser bewegt sich noch in der Vorstellung, daß die römischen Cohorten in der Front zwischen sich ein Intervall von Cohortenbreite gelassen hätten und findet den »Beweis« dafür (S. 48, S. 486) in dem »militärischen Terminus technicus quincunx«, welcher militärische Terminus technicus aber nicht etwa von Livius, sondern von Lipsius stammt. (Vergl. die Kritik von Rud. SCHNEIDER, Götting. Gel. Anz. Jahrg. 169, S. 419 (Juniheft 1907). Die Angabe des Verfasser (S. 483), daß er »in allen wesentlichen Punkten ausschließlich auf die Originalquellen zurückgehe«, beruht daher auf einer Selbsttäuschung, nicht minder als seine Meinung, daß seine Eigenschaft als Oberleutnant ihn befähige, auf dem Gebiet der Kriegsgeschichte als Fachmann aufzutreten.

2. Über die Einzelfragen und Antiquitäten des Cäsarischen Kriegswesens halten sich deutsche Leser jetzt am besten an das Fröhlichsche Buch (276 Seiten). Indem ich generell auf dieses verweise, will ich einige Punkte, in denen ich, meist in Übereinstimmung mit Stoffel, von ihm abweiche, hier kurz zusammenstellen. Außer der oben schon erwähnten Kritik Stoffels kommen dabei wesentlich die »Remarques générales« in Betracht die Stoffel seinem Leben Cäsars angefügt hat.

Fröhlich S. 9 bezweifelt, daß die 13. Legion, mit der Cäsar den Rubicon überschritt, wie Plutarch berichtet, 5000 Mann stark gewesen sei, da sie viele Jahre im Krieg gewesen sei und niemals Ersatz bekommen habe. Stoffel, Revue de philol. S. 140, führt dagegen mit Recht aus, daß Cäsar zweifellos seine Legionen durch Ersatzmannschaften ergänzte. Wenn uns einmal von einem »supplementum« berichtet wird, das nicht eingestellt, sondern besonders organisiert war (b. G. VII, 57), so war das ein Übergangszustand. Wenn nun trotz dieses Systems der allmählichen Wiederauffüllung alte und junge Legionen immer unterschieden und endlich die alten Legionen, statt nur die alten Mannschaften aus ihnen zu entlassen, völlig aufgelöst werden, so wird sich das dadurch erklären, daß die Verluste an Toten in den antiken Schlachten in der Regel nur gering waren – es sei denn im Fall einer Niederlage, wo leicht der ganze Truppenteil vernichtet wurde. Die Zahl der ganz jungen Leute so gering, daß a potiori die Legionen selbst als alte und junge unterschieden werden konnten.

Stoffel will nun trotzdem die Stärke der Legion Cäsars sehr gering ansetzen und verwirft sogar den Begriff der »Normalstärke der Legion«, der nicht mehr Berechtigung habe, als ob man heute von der »Normalstärke einer Division« sprechen wolle. Eine Division ist aber etwas anderes als eine Legion zu Cäsars Zeiten. Die ältere römische Legion, die noch ihre feste Beigabe an Reitern und Leichten hatte, kann man wohl, insofern sie alle Truppengattungen in sich vereinigte, mit einer modernen Division vergleichen. Das war aber zu Cäsars Zeit längst nicht mehr der Fall: man kann diese Legion daher viel eher mit der modernen Infanterie-Brigade zusammenstellen, insofern sie etwa deren Stärke hat, oder mit dem Regiment, insofern sie einen Verwaltungskörper bildet. Alle diese Vergleiche aber fördern nicht. Das Entscheidende ist, daß nach ganz festem Schema die Legion 320 Kohorten zu je 3 Manipeln zu je 2 Centurien hatte. Diese kleinsten Körper müssen notwendig eine Normalzahl gehabt haben. Exerzitium, Lager, Verpflegung, Befehlserteilung wären unerträglich erschwert, wenn nicht die unteren taktischen Einheiten annähernd gleich stark sind. Hatten also die Centurien und Manipel eine Normalstärke, so hatte sie auch die Legion, und die bei Fröhlich angeführten Stellen lassen keinen Zweifel darüber, daß diese Normalstärke 6000 Mann für die Legion, 600 für die Kohorte, 200 für den Manipel, 100 für die Centurie war.

Der Haupteinwand, den man gegen diese Annahme erheben kann, wird bei de Stärkeberechnung für die Schlacht von Pharsalus erledigt werden.

S. 17 sagt Fröhlich, die Centurionen seien mit den modernen Feldwebeln, nicht den Hauptleuten, zu vergleichen. Das trifft, wie oben ausgeführt, nur auf ihren sozialen Status zu; ihrer Funktion nach entsprechen sie aber den modernen Hauptleuten, und es ist gerade für die Geschichte Cäsars von entscheidender Wichtigkeit, daß im römischen Heer die fundamentale Funktion des »Hauptmanns und Kompagniechefs« in der Hand von Männern des sozialen Unteroffiziers-Status war.

S. 19 legt Fröhlich die geringe militärische Qualität von Cäsars Kriegstribunen dar. Der Kern ist richtig, aber die Farbe ist doch zu stark aufgetragen, wie Rice Holmes S. 570 beweist, der zusammenstellt, wie viel wichtige Funktionen diese Tribunen doch nachweislich erfüllt haben.

Stoffel, Guerre de César et d’Arioviste p. 127 meint, daß im Laufe des gallischen Krieges die Legaten, die ja ursprünglich nur hohe Offiziere zur Verfügung des Feldherrn waren, in ein festeres Verhältnis zu den einzelnen Legionen getreten und deren ständige Kommandanten geworden seien. Holmes, p. 568, glaubt, wohl mit Recht, dem widersprechen zu müssen. Das Verhältnis der Legaten zu den einzelnen Truppenteilen blieb unter Cäsar, wie es bis dahin in der römischen Armee gewesen war; demgemäß erfuhr also auch die Tätigkeitssphäre der Tribunen nicht eine Einschränkung durch Cäsar.

Über die antesignani, Fröhlich S. 29, ist bereits oben das Nötige bemerkt.

S. 38 schließt sich Fröhlich der Ansicht Schambachs an, daß Cäsar wieder wie in alter Zeit mit jeder Legion einen festen Satz an Kavallerie verbunden habe. Mir wollen die Ausführungen Schambachs nicht recht beweiskräftig erscheinen. Es kommt indessen so sehr viel nicht darauf an. Auch Holmes S. 583 S. 583 verwirft die Ansicht Fröhlichs.

S. 42 das Kapitel über die evocati ist gemäß dem oben S. 446 Ausgeführten dadurch zu vervollständigen, daß zwischen den evocati im zweiten Jahrhundert v.Chr., die bloße rengagés und sehr zahlreich waren, und denen des ersten, die eine Ehrentruppe, Stabswache der Feldherren bildeten, unterschieden wird. Hieraus ergibt sich auch eine einfache und einleuchtende Interpretation des vielumstrittenen Kapitels bell. civ. III, 91 (nach R. Menge, Berl. Philol. Wochenschr. 1890 p. 273). Das Kapitel lautet:

»Erat Crastinus evocatus in exercitu Caesaris, qui superiore anno apud eum primum pilum in legione X duxerat, vir singulari virtute. Hic signo dato: Sequimini me, inquit, manipulares mei qui fuistis, et vestro imperatori, quem constituistis, operam date. Unum hoc proelium superest; quo confecto et ille suam dignitatem et nos nostram libertatem recuperabimus. Simul respiciens Caesarem: Faciam, inquit, hodie, imperator, ut aut vivo mihi aut mortuo gratias agas. Haec cum dixisset, primus ex dextro cornu procucurrit, atque eum electi milites circiter CXX voluntarii eiusdem centuriae sunt prosecuti.«

Die Centurie, die Crastinus anredet, ist eine Centurie der aus evocati bestehenden Stabswache, die auf dem rechten Flügel stand. Als es in den Bürgerkrieg ging, hatte Cäsar, wie wir annehmen dürfen, als Sporn für die ganze Armee die längstgedienten Leute, am meisten der zehnten Legion, zu evocati ernannt. Da Crastinus primipilus in dieser Legion gewesen war, so waren sie meist in seinem Manipel gewesen, und er konnte sie als seine ehemaligen Manipularen anreden. Als evocati galten sie für Leute, deren Dienstzeit eigentlich abgelaufen war, die nur für diesen Krieg sich noch einmal freiwillig verpflichtet und Cäsar als ihren Feldherrn anerkannt hatten, nach dem Kriege aber ihrer Verpflichtung entbunden waren und ihre »Freiheit wiedererlangten«.

S. 72 meint Fröhlich, die Legionen hätten bei den Schanzarbeiten den Panzer umbehalten. Mit Recht ist das von Stoffel, Revue de Philologie, S. 142, zurückgewiesen.

Ebenso weist Stoffel mit Recht die Meinung zurück (Fröhlich, S. 75 und 127) der Soldat habe sein Mehl für 16 Tage selber getragen.

Über das Marschieren der Römer, Fröhlich, S. 104 u. S. 200, vgl. unten Kap. 3.

Daß die Legionare auch den Bogen gehandhabt hätten, wie Fröhlich, S. 105, meint, ist nicht anzunehmen und wird durch die von ihm angeführte Stelle nicht bewiesen.

S. 121 moniert Stoffel, daß von einem Pilum mit amentum gesprochen werde; das Pilum wurde nie mit dem amentum (Wurfriemen) geworfen, sondern nur leichtere Geschosse.

Die Distanz der Türme in der Contravallationslinie um Alesia betrug 80 Fuß. Fröhlich, S. 145, will die Entfernung als die Breite einer Manipelfront ansehen. Stoffel erklärt sie besser durch die Tragweite der römischen Geschosse.

S. 169 übernimmt Fröhlich aus Vegetius gewisse unrichtige Vorstellungen über den cuneus, von dem im nächsten Bande zu handeln sein wird.

S. 183 schildert Fröhlich das Manöver, das Cäsar die 7. und 12. Legion in der Nervierschlacht machen ließ, als hätten die Legionen Rücken an Rücken gefochten. Richtiger hat es Giesing so aufgefaßt, daß von beiden die hinteren Glieder Kehrt machten. N. Jahrb. f. Philol. Bd. 145 (1892) S. 493.

3. Der Reiterei Cäsars müßte eigentlich ein eigenes Kapitel gewidmet werden, oder noch richtiger, neben der Entwicklung der Infanterietaktik hätte von Anfang an eine parallele Geschichte der Kavallerie gehen müssen. Schon in den Perserkriegen, bei Philipp und Alexander, von Hannibal an in der römischen Geschichte macht sie sich aufs stärkste geltend oder gibt geradezu die Entscheidung. Bei der Infanterie haben wir eine organische Entwicklung der Kampfesformen beobachtet, sollte bei der Kavallerie nichts ähnliches festzustellen sein?

Es handelt sich hauptsächlich um zwei Fragen: wie weit haben die Alten den eigentlichen Choc, die geschlossene Attacke, in schneller Gangart ausgebildet? Und zweitens, wie haben wir uns den Mischkampf von Reitern und Leichtbewaffneten vorzustellen?

Trotz einer sorgfältig gearbeiteten Monographie von SCHAMBACH »Die Reiterei bei Cäsar« (Progr. Mühlhausen 1881), womit zu vergleichen bei Fröhlich, Buch III, Kap. 5, ist hier noch vieles unsicher geblieben, und auch wir wollen an dieser Stelle noch nicht in die Untersuchung eintreten, sondern sie nachholen, wenn wir aus viel späteren Epochen genügenden Vergleichsstoff gewonnen haben.

Der Helvetier-Feldzug.

Wir dürfen die Erzählung Cäsars von seinem Feldzug gegen die Helvetier als bekannt voraussetzen und unterwerfen sie zunächst einer Prüfung auf die Unwahrscheinlichkeiten, Lücken, Widersprüche, Unmöglichkeiten, die sie enthält.

Die Helvetier faßten nach Cäsar den Beschluß, mit Weib und Kind und allem Besitztum auszuwandern, um sich der Herrschaft von ganz Gallien zu bemächtigen (I, 30, 3); ihr eigenes Land war ihnen zu klein.

Wir sehen ab von den verfehlten Angaben, die Cäsar hierbei über die Größe des helvetischen Gebietes macht, aber wir fragen, wie sich das Motiv, das Cäsar den Auswandernden unterlegt, mit dem Modus der Ausführung vereinigt. Wenn die Helvetier sich die übrigen Gallier unterwerfen wollten, so war dazu nicht nötig, daß sie mit Weib, Kind, Herden und Hausgerät auszogen; im Gegenteil, daß mußte ihre kriegerische Aktion sehr beeinträchtigen.

Das Land, welches die Helvetier statt des ihren ins Auge gefaßt hatten, war das der Santonen zwischen La Rochelle und der Girondemündung am Atlantischen Ozean. Weder ist diese Landschaft besonders geeignet, von da aus Gallien zu beherrschen, noch, wenn die Helvetier wegen Übervölkerung neue Sitze suchten, war es nötig, daß das ganze Volk auswanderte und das prächtige, bisher bewohnte Land leer ließ. Angenommen, die Helvetier haben, statt in der Nachbarschaft irgendwo ihr Gebiet zu erweitern, wirklich den Plan gehabt, an den Ozean zu ziehen, die dort wohnenden Völker zu vertreiben oder auszurotten und sich von neuem anzusiedeln, so kann diese Absicht, schwer durchzuführen an sich, doch unmöglich kombiniert gewesen sein mit einem Plan, gleichzeitig die Hegemonie über alle anderen gallischen Völker zu erwerben. Die Kombination ist um so unmöglicher, als Gallien, wie wir zwar noch nicht in diesem Zusammenhang, aber bald darauf von Cäsar selbst erfahren, bereits einen Herrn hatte, nämlich den Germanenfürsten Ariovist, der die Gallier besiegt und sie gezwungen hatte, ihm Geiseln zu stellen und Tribut zu zahlen. Man sieht zwar nicht recht, wie weit sich die Herrschaft des Ariovist eigentlich erstreckte, bald sind es nur die Häduer und Sequaner mit ihrer Klientel, die unterdrückt erscheinen, dann sind es wieder die Gesandten von fast ganz Gallien (cap. 30), die Cäsar um Hilfe gegen ihn bitten – aber wie auch immer: jeder Plan der Helvetier, in Gallien eine Herrschaft zu erwerben, mußte in erster Linie mit Ariovist rechnen und auf ihn stoßen. Mit keinem Wort ist das von Cäsar berührt. So lange er von dem helvetischen Krieg erzählt, ist es, als ob Ariovist nicht existierte.

Zu den Vorbereitungen, die die Helvetier für ihren großen Eroberungskrieg machen, gehörten auch Friedens- und Freundschaftsbündnisse mit den Nachbarstaaten. Wir fragen: mit welchen? Die im Westen hätten zu den zu Unterwerfenden gehört, im Norden war Ariovist, der Osten kommt nicht in Betracht, der Süden gehörte den Römern.

Nur auf zwei Wegen, fährt Cäsar fort, konnten die Helvetier ihr Land verlassen, entweder auf dem nördlichen Ufer der Rhone, durch das Gebiet der Sequaner oder auf dem südlichen, bei Gend übergehend, durch die römische Provinz. Zu ergänzen ist dabei, »wenn sie in der Richtung auf das Gebiet der Santonen marschieren wollten«, da den Helvetiern sonst noch mancherlei Wege über den Jura oder nördlich des Jura zur Verfügung gestanden hätten, wenn sie Gallien erobern wollten.

Obgleich nach Cäsar die Helvetier schon seit zwei Jahren ihren Plan vorbereiteten und er allenthalben bekannt gewesen sein muß, so scheinen die Römer doch von einem beabsichtigten Marsch durch ihre Provinz nicht nur nichts gewußt, sondern dergleichen auch gar nicht besorgt zu haben. Denn in diesem gefährdeten Grenzland stand nur eine Legion, als Cäsar ankam, und durch List mußte er Zeit gewinnen, um rasch von Genf bis zum Fort L’Ecluse, wo die Rhone an einigen Stellen durchwatbar ist, eine vier Meilen lange Befestigungslinie anzulegen und sie mit seiner Legion und dem aufgebotenen Landsturm zu besetzen.

Die Helvetier sollen nun vergebliche Versuche gemacht haben, diese Linie zu durchbrechen.

Dieser Behauptung muß der allerstärkste Zweifel entgegengesetzt werden. Die Helvetier waren ein sehr kriegerisches Volk, ihr Heer, wenn auch, wie wir sehen werden, nicht 92000 Mann stark, doch gewiß recht bedeutend. Der Landsturm, den Cäsar aufgeboten hatte, kam militärisch wenig in Betracht. Wie soll es da mit den Kräften einer einzigen Legion möglich gewesen sein, eine vier Meilen lange Linie zu verteidigen? Das ist militärisch schlechterdings ausgeschlossen. Eine flüchtige, vier Meilen lange Feldbefestigung von mehrfacher Überlegenheit an drei Stellen zugleich angegriffen, wurde (ehe die modernste Waffenführung erfunden war) immer und unter allen Umständen durchbrochen, wenn der Angreifer Ernst machte.

Cäsar behauptet, nach seinem Siege über die Helvetier seien in deren Lager Tafeln gefunden worden, auf denen aufgezeichnet stand, wieviel Köpfe jeder Stamm zählte; im ganzen seien es 368000 gewesen. Da man die Größe des von den helvetischen Stämmen bewohnten Landes annähernd berechnen kann (18000 Quadratkilometer251, so müßte es hiernach eine Volksdichtigkeit von 20 auf den Quadratkilometer gehabt haben. Mit Recht hat Beloch das für eine Unmöglichkeit erklärt. Cäsar aber gibt uns noch eine zweite Zahl; er ließ, als er die Helvetier in ihr Land zurückführte, einen Census veranstalten, der 110000 Köpfe ergab. Da nun nach Cäsars eigener Erzählung der Verlust des Volkes auf der Wanderung und in den Gefechten nicht so sehr groß gewesen sein kann, so ist Beloch von dieser Zahl ausgegangen, hat für den Verlust einen Zuschlag von 40000 Seelen gemacht und die Volksdichtigkeit danach auf 7,5 für den Quadratkilometer berechnet.

Gegen diesen Schluß würde nichts Wesentliches einzuwenden sein, wenn wir uns völlig darauf verlassen könnten, daß Cäsar die Zählung wirklich veranstaltet hat und daß die Helvetier wirklich alle das Land verlassen hatten. In diesem Falle, da der Verlust von 40000 noch sehr hoch zu sein scheint, würde man sogar noch auf eine etwas geringere Zahl als Beloch kommen. Bei der Unsicherheit der Grundlage, über die wir noch zu sprechen haben werden, lassen wir jedoch diesen Faden fallen. Nur das Negative, daß die ursprüngliche Masse auch nicht annähernd 368000 Köpfe betragen haben kann, müssen wir noch sicherer feststellen und haben dazu auch die Mittel.

Cäsar behauptet, der Zug der Helvetier habe alles in allem 368000 Menschen gezählt und für drei Monate Lebensmittel mit sich geführt. Napoleon III. hat berechnen lassen, daß bloß für Mehl hierzu 6000 vierspännige Wagen erforderlich seien; für 15 kg Gepäck auf den Kopf rechnet er weitere 2500 Wagen. 8500 Wagen auf einer Straße, 15 Meter auf den Wagen, nehmen 17 deutsche Meilen Raum ein.252 Auf das Zugtier ist hierbei eine Nettolast von 10 Zentnern gerechnet. Ich habe mich jedoch seitdem überzeugt und den Nachweis geliefert, daß das für antike Verhältnisse um das Doppelte bis Dreifache zu hoch ist. Die präsumierte Wagenreihe wäre also nicht 17, sondern etwa 40 deutsche Meilen lang geworden. Nur selten werden, wie wir uns die Straßen in dem damaligen Gallien vorzustellen haben, die Wagen in mehreren Reihen nebeneinander fahren können. Wenn auch nur an einer Stelle auf dem Wege eine Enge war, so mußte, mochte man auch sonst breit über das Feld fahren können, die Reihe eingehalten werden. Die Marschdisziplin ist selbstverständlich gering; Stockungen und Lücken sind häufig, die Wagen vorwiegend mit Ochsen bespannt. 3-4 Stunden wird ein solcher Zug mindestens auf die Meile zubringen. Selbst im Hochsommer, wo man um 3 Uhr aufbrechen kann und die Letzten erst um 9 Uhr abends im Lager einzutreffen brauchen, können also doch, selbst wenn der Tagemarsch zur 1 Meile beträgt, nicht mehr als 2500 Wagen ihn machen. 15 Stunden stehen zur Verfügung (von 3 Uhr morgens bis 6 Uhr abends, wo die Letzten abmarschieren müssen), und alle drei Stunden werden 500 Wagen in Bewegung gesetzt. Selbst wenn man die Geschwindigkeit nur mit 2 Stunden für die Meile ansetzt, so würden doch nur 250 Wagen in der Stunde in Bewegung gesetzt, also bei 16stündiger Marschzeit (von 3 Uhr morgens bis 7 Uhr abends) 4000 Wagen eine Meile weit befördert werden können.253 Nun besteht aber der Zug, wovon Napoleon merkwürdigerweise nicht spricht, nicht bloß aus den Wagen, sondern wir haben noch die ganze Masse der Menschen, Weiber und Kinder, und außer dem Zugvieh die Herden, das Jungvieh und Kleinvieh.

Nach der Erzählung Cäsars bewegte sich, durch Absprengung der Tigoriner an der Saone um einiges254 gemindert, der Zug der Helvetier in etwa 15 Tagen von der Übergangsstelle (etwa 2 bis 4 Meilen nördlich von Lyon, bei Trevoux oder Montmerle) bis in die Nähe von Bibracte (bei Autun). Das sind 14-16 Meilen Luftlinie, also täglich 11/4-11/2 Meilen Marsch. Der Weg ging nur anfangs in dem breiten Saonethal, dann aber durch das Bergland der Monts du Maconnais und Monts du Charolais, wo die Karren sicherlich sehr oft nur zu einem fahren konnten. Waren die Lebensmittelkarren zum Teil schon geleert, so werden die Helvetier sie darum nicht haben stehen lassen; Karren sind Wertstücke, und sie brauchten sie für die Beute, die sie machten, und Neuverproviantierung. Da der Zug durch feindliches Land ging, so konnten nicht etwa die Weiber und Kinder einen Tagemarsch vorausgeschickt und die Kolonne zerlegt werden. Nach Cäsars Schilderung unterliegt es keinem Zweifel, daß die Masse zusammenhielt und miteinander marschierte, daraus aber ergibt sich, daß von einer ursprünglichen Masse von 368000 Seelen gar nicht die Rede sein kann. Selbst auf die Hälfte, auf ein Viertel, auf ein Achtel reduziert ist der Wagenzug mitsamt Menschen und Vieh viel zu lang, um sich auf einer Straße in einer Kolonne zu bewegen. Cäsars Zählung ist also, wie die Herodots über das Xerxesheer, nicht zu reduzieren, sondern schlechthin zu verwerfen.

Während Cäsar fünf weitere Legionen, darunter zwei neuausgehobene, aus Oberitalien heranzieht, marschieren die Helvetier über den Jura an die Saone und überschreiten diesen Fluß oberhalb von Lyon. Nachdem der Nachtrag von Cäsar beim Übersetzen angegriffen und zersprengt ist, ziehen die andern den Fluß aufwärts nach Norden.

Cäsar gibt keinerlei Grund an, weshalb sie diese Richtung einschlugen. Sie wollten ja, wie er uns sagt, zu den Santonen, d.h. nach Westen. Auf verschiedene Weise hat man diese Lücke ergänzt. Mommsen, Göler, Napoleon III. haben gemeint, Cäsar habe die Helvetier von ihrem Wege abgedrängt, und Napoleon III. fügt hinzu, auf dem geraden Weg zu den Santonen, über Roanne, hätten fast unzugängliche Berge gelegen; auch im 19. Jahrhundert noch sei die Post von Lyon nach Rochelle über Autun und Nevers gegangen.

Diese Erklärung will aber doch nicht recht genügen. Nach der gewöhnlichen Annahme stand Cäsar im Lande der Segusiaver bei Lyon, in dem Winkel zwischen Rhone und Saone, als er die Helvetier beim Übersetzen der Saone, etwa bei Trevoux-Villefranche, mit drei Legionen überfiel. Die drei anderen Legionen hatte er zurückgelassen. Selbst angenommen nun, daß diese auf dem rechten Saoneufer gestanden hätten, so hätten sie damit den Helvetiern keineswegs weder den Weg südwärts in die Provinz, noch westwärts ins Gebirge abgeschnitten. Zwei von den drei Legionen waren die beiden eben erst ausgehobenen Rekrutenlegionen; auf keinen Fall konnten die Römer es mit diesen auf eine Schlacht gegen die Helvetier ankommen lassen. Diese hätten ja nichts besseres wünschen können, als hier über einen Teil des römischen Heeres herzufallen, ganz wie Cäsar am Tage vorher über einen Teil des ihren. Wahrscheinlich hat die Armeeabteilung gar nicht auf dem andern Ufer gestanden, und wenn schon, ganz gewiß hinter einer Befestigung, aus der sie sich nicht heraustrauen durfte.255 Vor den Legionen Cäsars selber hatten die Helvetier mindestens einen Tag, während dieser an der Saonebrücke baute, Vorsprung. Das Gebirge direkt im Westen, mag steil sein, aber es ist nicht, wie Napoleon III. behauptet hat, unzugänglich.

BIAL in seinem Buche »Chemins de la Gaule« p. 289 f. glaubt mehrere Wege nachweisen zu können, welche über die Cevennen gingen, und MAISSIAT in seinem »Jules César en Gaule« I, 349 legt dar, daß durch das Tal der Azergues, die bei Trevoux-Villefranche mündet, man sehr leicht die Cevennen überschreiten kann und zum Abstieg ins Loiretal sogar nicht bloß eins, sondern drei Nebentäler (über Chauffaille, Tarare, Sainte-Foy) zur Auswahl hat. Dieser Weg hätte den doppelten Vorteil gehabt, daß die Helvetier die Loire und den Allier nahe den Quellen überschreiten konnten und daß sie sich sofort jedem römischen Angriff entzogen. Waren sie erst im Gebirge, so konnte eine kleine Nachhut die Römer aufhalten. Statt dessen zogen sie das bequeme Saonetal entlang, wo Cäsar ihren schwerfälligen Zug leicht überholen konnte, kamen erst später in das schützende Gebirge, und hatten nach kurzem aberrmals breite Ströme zu überschreiten.

Selbst wenn man annehmen will, daß die Helvetier sich nicht schnell genug zum Abzug entschlossen und Cäsar Zeit gelassen hätten, indem er etwas abwärts über die Saone ging, ihnen den Eingang in das Azerguetal zu sperren, so bleibt doch immer unerklärt, weshalb sie nicht aus den Monts du Charollais direkt ins Loiretal abstiegen und bei Briennon oder Digoin überzugehen suchten. Ja schließlich können wir feststellen, daß Cäsar selber gar nichts anderes erwartet hat, als daß die Helvetier den Fluß entlang marschieren würden, da er, wie wir nachher hören, seine Verpflegung zu Schiff beförderte und nicht für einen Wagenpark gesorgt hatte.

Daß die Helvetier die ernsthafte Absicht gehabt haben, ins Land der Santonen zu ziehen, dürfen wir danach billig bezweifeln.

Als Cäsar den Helvetiern den Durchmarsch durch die Provinz versagt hatte, vermittelte ihnen der Häduerfürst Dumnorix einen friedlichen Durchzug durch das Gebiet der Sequaner, Von den Sequanern gelangen die Helvetier ins Gebiet der Häduer, nach dem Vorhergehenden müßte man meinen, als Freunde. Aber sie erscheinen als Feinde, verwüsten das Land, und die Häduer rufen die Hilfe der Römer gegen sie an. Hier müssen sich im Hintergrunde Vorgänge abgespielt haben, die Cäsar uns verschweigt.

Nach ihrer Teilniederlage an der Saone boten die Helvetier, erzählt uns Cäsar weiter, Frieden an und erklärten sich bereit, in dasjenige land zu ziehen, das ihnen Cäsar anweisen wolle. Die Verhandlungen zerschlugen sich daran, daß die Helvetier die Geiseln, die Cäsar verlangte, nicht stellen wollten. Sollte Cäsar ihnen aber auf die Hauptfrage gar nicht geantwortet haben? Er muß ihnen doch wohl gesagt haben: da ihr versprecht, in das Land zu ziehen, das ich Euch anweise, so ersuche ich Euch, in Euer eigenes altes Land zurückzukehren. Daß dieser Satz fehlt, macht die ganze Verhandlung oder aber den Zusammenhang, in den sie gestellt ist, sehr verdächtig.

In welcher Richtung die Helvetier nunmehr abzogen, sagt uns Cäsar nicht direkt; wir können es nur daraus schließen, daß Cäsar sagt, er habe sich nicht auf der Saone verproviantieren können, weil die Helvetier, denen er folgte, von dem Flusse abbogen, und daß die Schlacht endlich in der Nähe von Bibracte (Mont-Beuvray, 20 Kilometer westlich von Autun) geschlagen wurde. Cäsar machte einmal einen Versuch, vermittelst einer Umgehung die Helvetier von zwei Seiten anzugreifen, und als das durch einen Zufall vereitelt wurde, ließ er von ihnen ab um nach Bibracte zu gehen. Er mußte das tun, sagt er, um der Verpflegung willen, die ihm die Häduer, als sie ihn um Hilfe riefen gegen die Helvetier, versprochen hatten aber nicht lieferten. Sein Abschwenken aber führte die die Schlacht herbei: die Helvetier sahen entweder darin Furcht oder wollten die Römer von ihrer Verpflegung abschneiden und gingen ihrerseits zum Angriff vor.

Sollen wir es wirklich glauben, daß die Helvetier sich die Wendung der Römer gegen Bibracte nicht anders als durch Furcht haben erklären können und daß dadurch sie, die kurz vorher erst angeboten hatten, aus Cäsars Hand eine neue Heimat zu empfangen, die 15 Tage lang marschierend sich ihm zu entziehen gesucht hatten, so ermutigt wurden, daß sie plötzlich umkehrten und ihn angriffen? Das andere Motiv wiederum, die Römer von ihrer Verpflegung abzuschneiden – wie soll man es verstehen? Wollten die Helvetier Cäsar von seiner bisherigen Operationslinie und Basis abschneiden, so war dazu kein Angriff und keine Schlacht nötig. Wollten sie ihn von Bibracte abschneiden? Abschneiden von der Verpflegung und Schlacht sind Begriffe, die sich hier ausschließen: siegten die Helvetier, so brauchte kein Römer Verpflegung mehr; wurden sie besiegt, so war den Römern nichts mehr abgeschnitten. Weshalb waren die Helvetier fortwährend marschiert? Wollten sie ins Land der Santonen, so muß man annehmen, daß der Marsch bisher eine nordwestliche Richtung gehabt hatte und daß man der Loire schon ziemlich nahe war, daß sie also jetzt, da die Römer sich nach Osten wandten, unbehelligt weiterziehen konnten. Wollten sie ihre Niederlage an der Saone noch rächen, warum erst jetzt? Warum hatten sie nicht unterwegs eine günstige defensive Stellung gewählt und hatten abgewartet, ob die Römer anlaufen würden?

Die kurzen Nachrichten und vereinzelten Notizen, die wir sonst bei römischen Schriftstellern über diese Feldzüge finden, tragen zur Aufklärung nichts bei, und es möchte hoffnungslos erscheinen, wenn man ausschließlich auf eine Erzählung angewiesen ist, in der die Wahrheit offenbar mit Absicht an vielen Stellen verdunkelt wird, doch ein richtiges Bild von den Dingen gewinnen zu wollen. Aber man kann doch auch nicht dabei stehen bleiben, Cäsar einfach zu verwerfen, ohne etwas anderes an die Stelle zu setzen. Daß man ihm nicht einfach nacherzählen darf, ist anerkannt. Napoleon I. hat einmal gesagt256, der helvetische Feldzug sei einfach unverständlich, und auch diejenigen Historiker, die Cäsar das größte Vertrauen entgegenbringen, halten doch für nötig, ihn in sehr wesentlichen Punkten zu ergänzen und zu korrigieren. Mommsen fügt als Auswanderungsmotiv die Furcht vor Ariovist hinzu, was sich doch wohl nicht mit dem Wunsch, die Hegemonie von Gallilen zu erwerben, verträgt; überdies behauptet Cäsar, als ob Ariovist nicht in der Welt gewesen wäre, das gerade Gegenteil: die Helvetier, rings von Bergen und Strömen eingeschlossen, hätten es schmerzlich empfunden, ihre Nachbarn nicht mit Krieg überziehen zu können. Mommsen läßt ferner die Friedensverhandlung an der Saone kurzerhand aus. Napoleon III. wiederum behandelt die Auswanderung und den Wunsch, sich Gallien zu unterwerfen, nicht als nebeneinander hergehende, sondern einander ablösende Pläne und läßt aus den Friedensverhandlungen das Angebot der Helvetier, sich von Cäsar Land anweisen zu lassen, aus. Holmes endlich meint, ähnlich wie Mommsen, daß die Helvetier, gedrängt von den Germanen, beschlossen hätten, sich eine neue Heimat zu suchen, und läßt den Plan der Unterwerfung Galliens als eine bloße Intrige des Fürsten Orgetorix erscheinen. Das ist gerade das Umgekehrte von dem, was uns Cäsar erzählt. Aber alle diese Korrekturen genügen doch immer noch nicht. Es fehlt eine Erklärung, wie sich die Helvetier bei der Unterwerfung Galliens zu Ariovist zu stellen gedachten. Es bleibt die Unmöglichkeit, mit einer einzigen Legion und bloßem Landsturm eine flüchtige Feldbefestigung von vier Meilen Länge gegen ein großes Heer zu verteidigen. Es fehlt ein Motiv für den Abmarsch vom Sonnenübergang nach Norden und für das plötzliche Umkehren zur Schlacht. Man muß suchen, auch diese Fehler und Lücken zu eliminieren und auszufüllen, um ein Bild zu gewinnen, das, wenn auch nicht beweisbar, doch wenigstens den Vorzug hat, denkbar und möglich zu sein.

Versuchen wir es einmal mit folgender Skizze.

Das mittlere Gallien stand unter der Herrschaft des Germanenfürsten Ariovist.257 Schwer ertrugen die Gallier dieses Joch und zahlten ihren jährlichen Tribut. In aller Heimlichkeit hatte sich schon ein Häduerfürst, Divitiacus, an die Römer gewandt und ihre Hilfe erbeten, wie uns Cäsar zwar nicht im ersten, aber gelegentlich in einem späteren Buche (VI, 12) erzählt. In Rom ist man nicht geneigt gewesen, darauf einzugehen, sondern hatte im Gegenteil sich mit Ariovist gut zu stellen gesucht und ihn unter Cäsars eigenem Konsulat als König begrüßt und mit dem Ehrentitel eines Freundes und Bundesgenossen des römischen Volkes geschmückt. Die Häduer wollten trotzdem den Gedanken einer Befreiung nicht aufgeben. Eine andere Partei unter Führung des Dumnorix, eines Bruders des Divitiacus, hatte den Gedanken gefaßt, Gallien durch die Kraft der Gallier zu befreien.258 Noch gab es ein mächtiges und kriegerisches Volk in dieser Gegend, das dem Ariovist nicht gehorchte, die Helvetier. Mit diesen knüpfte man an. Eine einfache Erhebung, in der Hoffnung auf helvetischen Zuzug war nicht möglich, da fast alle vornehmen Familien der Häduer wie der Sequaner und anderer Völker durch Geiseln in Ariovists Händen gebunden waren. Eine List sollte helfen. Der helvetische Führer Orgetorix schlug seinem Volke vor, auszuwandern. Sei es, indem er von Übervölkerung sprach, sei es, indem er vorstellte, daß sie in ihrem Lande binnen kurzem, wie die anderen Gallier, den Germanen erliegen müßten. Unter dem Vorwande der Auswanderung an den Ozean, zu den Santonen259 sollte das helvetische Kriegsaufgebot im Lande der Häduer erscheinen, ehe der Argwohn des Ariovist erregt wäre, und gestützt auf sie, hoffte die gallische Patriotenpartei alle Bedenken niederzuschlagen und die allgemeine Erhebung gegen die Germanen zu bewerkstelligen. Selbstverständlich begleiteten auch Frauen und Kinder den Zug, wie noch später die Landsknechtsheere, und in diesem Falle vielleicht, um die Täuschung zu erhöhen, noch mehr als sonst bei solchen Zügen. Auch der plötzliche Tod des Orgetorix hielt die Ausführung nicht auf.

Von allen diesen Dingen war Cäsar in Rom durch den Divitiacus und die römische Partei unter den Häduern genau unterrichtet. Unter keinen Umständen wollte er ihn zur Ausführung kommen lassen, denn sein Plan war, daß die Gallier nicht aus eignen Kräften, sondern durch die Hilfe der Römer von dem Joche der Germanen befreit werden sollten, um dafür das römische auf die Schultern zu nehmen. Eine Anfrage der Helvetier, ob sie durch die Provinz ziehen könnten, war ihm gerade recht, sein Heer an die Grenze zu führen und zu verstärken. Die Helvetier hatten die Anfrage nur gestellt, um die Fiktion, daß sie zu den Santonen ziehen wollten, möglichst lange aufrecht zu erhalten. In demselben Sinne nahmen sie, als Cäsar sie abgewiesen hatte, doch den Weg möglichst südwärts, um erst, nachdem sie die Saone überschritten, ihren Weg auf ihr eigentliches Ziel, aufs Gebiet der Häduer zu richten. Unter dem Vorwand, daß sie eine Grenzverletzung begangen, griff Cäsar ihren Nachtrab beim Übergang über die Saone an. Mittlerweile hatte die römische Partei unter den Häduern, vermutlich durch römisches Geld unterstützt, die Oberhand erhalten und setzte durch, daß, statt die Helvetier als Befreier zu begrüßen, der häduische Staat die Hilfe Cäsars gegen ihre Invasion anrief. Die Helvetier waren nunmehr in großer Verlegenheit, schickten zu Cäsar und erboten sich, sich von ihm ein Land anweisen zu lassen, d.h. in ihr Land zurückzukehren. Das Abkommen ist, ganz wie Cäsar erzählt, nur an der Frage der Geiselstellung gescheitert. Cäsar bestand aber auf dieser Bedingung, nicht sowohl weil den Helvetiern sonst nicht zu trauen war, als weil ja dieses Unternehmen für ihn der Anfang der Unterwerfung ganz Galliens sein sollte. Die Helvetier wollten die Schmach nicht auf sich nehmen und zogen nach Norden, um im großen Bogen über die obere Saone wieder in ihr Land zurückzukehren. Sie blieben je doch nicht im Flußtal, wo die Römer gar zu leichtes Spiel gehabt hätten, ihren Zug zu überholen und umfassend anzugreifen, sondern zogen sich so bald wie möglich in die Berge, wo eine starke Nachhut die Römer von Defilé zu Defilé aufhalten konnte. Cäsar folgte ihnen, indem er sich durch die Reiterei der Häduer verstärkte. Aber in dem ersten Gefecht, noch in der Ebene, versagte diese Reiterei und nahm vor den Helvetiern die Flucht, und Cäsar hatte den Verdacht, daß nicht bloß ein ungünstiges Terrain, sondern böser Wille dabei im Spiel war, da Dumnorix kommandierte.

Obgleich Cäsar den helvetischen Nachtrab täglich hätte angreifen und in Gefechte verwickeln können, so tat er das doch nicht, sondern folgte nur in einiger Entfernung mit der größten Vorsicht, die Gelegenheit zu einem großen Schlage erspähend.

Endlich schien sie sich zu finden; eine Umgehung der Helvetier mit zwei Legionen unter Labienus gelang, aber ein Zufall, eine falsche Meldung kam in die Quere und rettete den Feind. Darauf ließ Cäsar von den Helvetiern ab und wandte sich direkt auf die häduische Hauptstadt Bibracte, in deren Nähe man bereits angelangt war. Wie er selbst sagt, waren es Verpflegungsschwierigkeiten, die ihn dazu zwangen; man darf vielleicht auch annehmen, daß es Mißtrauen gegen die Häduer war, das ihn dazu nötigte: der römische Feldherr konnte nicht immer tiefer ins Land hineinziehen, ohne sich eines festen Stützpunktes zu versichern. Diese Wendung aber erzwang die Entscheidung.

Die Helvetier hätten freilich nunmehr unbehelligt weiterziehen und durch das Gebiet der ihnen ja befreundeten Sequaner in ihr Land zurückkehren können. Aber wenn sie das getan hätten, so hätten sie mit Bibracte die Häduer und damit das mittlere Gallien den Römern überlassen. Die häduische Patriotenpartei, die sie ihrerzeit gerufen hatte und vermutlich fortwährend in geheimer Beziehung zu ihnen stand, wird das aufs stärkste bei ihnen geltend gemacht, ihre Hilfe erfleht, vielleicht Übergang in der Schlacht in Aussicht gestellt haben. Da Cäsar, so nahe man einander täglich gewesen, doch seinerseits bisher nicht angegriffen hatte, so mögen die helvetischen Führer sich der Hoffnung hingegeben haben, daß er schließlich von ihnen ablassen werde. Bald mußte, wie sie von ihrem häduischen Freunde erfuhren, sein Vorrat an Lebensmitteln erschöpft sein, und die Häduer lieferten ihm nichts. Seine Wendung gegen Bibracte machte alle diese Hoffnungen zuschanden. Ohnehin mag es von Anfang an bei den Helvetiern nicht an einer Partei gefehlt haben, die es für schmachvoll erklärte, daß man, ohne die an der Saone heimtückisch von den Römern überfallenen und abgeschlachteten Brüder gerächt zu haben, nach Hause zurückkehre. Jetzt erhielt diese Partei die Oberhand, man beschloß umzukehren und die Römer im Marsche anzugreifen.

Der Punkt, den Cäsar in dieser Geschichte zu verstecken wünschte, ist der Zweck, den die Helvetier bei ihrem Unternehmen hatten, den Kampf gegen Ariovist. Deshalb ist Ariovists Name in diesem ganzen Feldzug bei ihm gar nicht erwähnt. Es wird den Helvetiern imputiert, daß sie die Herren von Gallien werden wollten, als ob Gallilen nicht in dem furchtbaren germanischen Kriegsfürsten bereits einen Herrn gehabt hätte, und in widerspruchsvoller Verknüpfung mit jener Herrschaftsidee erscheint wieder die harmlose Auswanderung mit Weib und Kind zu den Santonen. Cäsar muß eine Grenzverletzung fingieren, muß den Bündniswechsel der Häduer unterdrücken, muß die Friedensverhandlung im Halbdunkel lassen, muß den Abmarsch der Helvetier nach Norden unmotiviert lassen, sucht vergeblich nach Motiven für ihren plötzlichen Schlachtentschluß – alles um des einen Punktes willen, daß er die wahre Absicht des ganzen helvetischen Kriegsunternehmens nicht angeben will. Hat man diesen aber erst zurechtgerückt, so ordnet sich alles andere von selbst.260

Ich wiederhole noch einmal: ich behaupte nicht, daß die Dinge gerade so verlaufen sind, wie ich sie eben erzählt habe; ich behaupte nur, daß die Erzählung Cäsars vor einem kritischen Blick nicht standhält und in sich unmöglich ist, und habe ihr eine andere, in sich mögliche und denkbare gegenüberstellen wollen, die sich dazu von den tatsächlichen Angaben Cäsars im Grunde weniger entfernt, als die Darstellungen bei Mommsen, Napoleon III. und Holmes. Wir haben uns dabei tiefer in das eigentlich Politische begeben müssen, als es unsere Aufgabe an sich erheischt, aber das war nötig, weil hier das Militärische in untrennbarem Zusammenhang mit dem Politischen steht und weil wir von vornherein zeigen wollten, mit welcher Vorsicht die Historie die Kommentare Cäsars benutzen muß.

Die Schlacht bei Bibracte.

Schon aus allgemeinen Erwägungen haben wir schließen müssen, daß die Zahl, die Cäsar für den Helvetierzug angibt, 368000 Köpfe, ungeheuerlich übertrieben ist. Die Betrachtung des politischen Charakters des Unternehmens wird weiter den Zweifel anregen, ob wirklich das ganze Volk der Helvetier mit seinen Bundesgenossen ausgezogen ist. Eine gewisse Menge Weiber und Kinder waren gewiß dabei, das erforderte der Plan, aber daß die Helvetier sich wirklich mit allen ihren Familien und ihrem ganzen Hausrat beladen und ihre Weiler und Dörfer hinter sich verbrannt haben sollten, ist doch schwer zu glauben. Die Tagemärsche, die sie machen, sind zwar nicht auffällig kurz, aber auch nicht lang, und sprechen für einen gewissen Troß; die Erzählung von der Schlacht zeigt, daß er nicht gar zu groß gewesen sein kann. Cäsar, der eine halbe Meile hinter den Helvetiern gelagert hatte, gab das weitere Nachfolgen auf und wandte sich in die Richtung auf Bibracte. Einige überlaufende Knechte brachten den Helvetiern diese Nachricht, sie kehrten um, und um die siebente Stunde, also zwischen 12 und 1 Uhr mittags, begann das Gefecht. Die Helvetier waren mit allen ihren Karren gefolgt und bildeten aus ihnen eine Wagenburg. Die Helvetier haben also mit allen ihren Karren erst ihren Marsch in der einen Richtung angetreten, dann sind sie umgekehrt und sind Cäsar in der andern Richtung gefolgt. Anderthalb bis zwei Meilen muß der Karrenzug an diesem Morgen doch wohl wenigstens gemacht haben; wir wissen, was das bedeuten will, wenn auch Cäsars Worte natürlich nicht besagen, daß alle Karren schon wieder zur Stelle waren, als die Schlacht begann. Man kann es nicht spezifizieren, aber daß die Menge, die solche Bewegungen macht, doch im ganzen nur eine mäßige sein kann, leuchtet ein.

Cäsar hatte sechs Legionen und Hilfsvölker, darunter 4000 Reiter (cap. 15). Sechs Legionen würden normal 36000 Mann stark sein; davon mag Cäsar 30000 zur Stelle gehabt haben, unter ihnen zwei Rekrutenlegionen, die er rückwärts aufstellte und nicht an der Schlacht teilnehmen ließ. Cäsar hatte also, seine Hilfsvölker261 eingerechnet 36000 bis 40000 Mann und damit eine erhebliche numerische Überlegenheit auf dem Flecke.

Sobald Cäsar bemerkte, daß die Helvetier anrückten, schickte er ihnen seine Reiterei entgegen, um sie möglichst aufzuhalten, ließ seine vier Veteranenlegionen in drei Treffen auf dem Abhang eines Hügels aufmarschieren und verwandte die beiden Rekrutenlegionen mit sämtlichen Hilfsvölkern dazu, hinter der Schlachtlinie eine Lagerbefestigung anzulegen und zu besetzen, in die der ganze Train gefahren wurde.262

Die Helvetier liefen gegen die sehr vorteilhaft gewählte Stellung der Römer an und wurden zurückgeworfen. Als die Römer ihnen nachdrängen, wurden sie von den Beinen und Tulingern in der Flanke angegriffen, sei es, daß diese erst jetzt auf dem Schlachtfeld eintrafen, sei es, daß in der ursprünglichen Position die Römer im Terrain eine Flankendeckung gehabt hatten, aus der die Helvetier sie mit Absicht hervorlockten. Der Flankenangriff ermutigte auch die Front der Helvetier zu erneutem Vorgehen, und die Lage wäre bei der außerordentlichen Tapferkeit, mit der die Gallier kämpften, für die Römer gefährlich geworden, wenn nicht die römische Treffentaktik sich gegen den Doppelangriff bewährt hätte: Cäsar ließ das dritte Treffen gegen die Boier und Tulinger einschwenken und ging nach beiden Seiten offensiv vor (Romani conversa signa biparito intulerunt). Langsam wichen die Gallier zurück; erst in der Dunkelheit gelang es den Römern, die Wagenburg zu erstürmen. Eine Verfolgung ließ Cäsar nicht eintreten, sondern verweilte drei Tage auf dem Schlachtfelde, um der Wunden willen, wie er sagt, und um die Toten zu begraben. Die Helvetier flohen nach Osten (Nord-Osten) ins Land der Lingonen und ergaben sich einige Tage später.

Auffällig ist, daß Cäsar seine beiden Rekrutenlegionen gar nicht verwandte, sondern den Flankenangriff der Boier und Tulinger bloß durch das dritte Treffen zurückweisen ließ. Er erzählt uns mit starker Betonung, wie schwer die Helvetier den Römern den Sieg gemacht hätten und daß sie nur zurückgedrängt worden seien, niemand von ihnen aber den Rücken gewandt habe. Warum zog er da nicht seine Reserve ins Gefecht?

Die Erklärung wird wohl die sein, daß Cäsar, als er die Helvetier so plötzlich anrücken sah, den Verdacht faßte, daß die Häduer Verrat planten und daß er plötzlich, während er sich mit den Helvetiern schlug, von einem häduischen Aufgebot im Rücken angegriffen werden könne. Er hat das nicht sagen wollen, nicht nur, weil es nicht eingetroffen ist, sondern auch, weil er ja das ganze Verhältnis der Häduer zu den Helvetiern möglichst zu verdunkeln suchte. Er erzählt uns immer bloß von Dumnorix, der das Volk verführe. Nach unserer Auffassung ist diese Partei aber sehr viel stärker gewesen, und wir finden sie aufs neue dadurch bestätigt, daß sich aus ihr auch eine Erklärung für das sonst unbegreifliche Zurückhalten aller Schützen und eines vollen Drittels der Hopliten ergibt.
1. Nach unserer Auffassung von der Natur des ganzen Feldzuges müssen die Helvetier östlich von Bibracte vorbeigezogen sein, während diejenigen Gelehrten, die das Wanderziel bei den Santonen festhalten, das Schlachtfeld westlich von der häduischen Hauptstadt ansetzen. Daß die Helvetier, wenn sie wieder nach Hause wollten, sich dennoch so nahe an Bibracte, also so weit nach Westen zogen, spricht nicht gegen unsere Auffassung, da sie fortwährend mit einem politischen Umschwung bei den Häduern gerechnet haben werden. Ein sehr starkes Argument für die Richtigkeit unserer Rekonstruktion ist aber Cäsars Angabe, daß sie ihren Rückzug zu den Lingonen, also nach Osten genommen haben. Wie sollen sie dahin gelangt sein, wenn sie, wie andere Gelehrte annehmen, die Schlacht mit der Front nach Osten geschlagen hatten? Ein völlig geschlagenes Heer flieht in der Richtung seiner Niederlage und jedenfalls nicht nach der gerade entgegengesetzten. Haben die Helvetier aber, wie ich annehme, die Schlacht mit der Front nach Westen geschlagen, so können sie nicht auf dem Wege zur Loire und weiter, zu den Santonen gewesen sein.

NAPOLEON III. und STOFFEL, Guerre de César et d’Arioviste p. 78 suchen den Vorgang dadurch möglich zu machen, daß sie, nachdem die Schlacht bei Luzy, südwestlich von Autun, mit der Front nach Süden geschlagen war, die Helvetier den Rückzug über Moulins-Engilbert, Lormes, Avallon auf Tonnerre, also nordwärts machen lassen. Zu dem Zweck muß man aber annehmen, daß bei Tonnerre schon Gebiet der Lingonen war, was, da es im Süden bis an die Saone reichte263 und ihr Hauptort Langres war, kaum glaublich erscheint. Auch steht diese Annahme in direktem Widerspruch mit Cäsars Angabe, daß die Helvetier auf ihrem Rückzuge am vierten Tage zu den Lingonen gekommen seien. Von Luzy bis Tonnerre sind 120 Kilometer Luftlinie, eine Strecke, die die Helvetier unter keinen Umständen, auch wenn sie Tag und Nacht marschierten,264 in vier Tagen zurücklegen konnten.

Daraus, daß Cäsar nach der Kapitulation der Helvetier noch einen ziemlich bedeutenden Marsch bis Besancon zu machen hat (b. G. I, 38), ist nichts zu schließen, da er zwischendurch eine von ihm nicht weiter berichtete Bewegung gemacht haben kann.

Stoffel glaubt, zwischen Montmort und Toulon- sur-Arroux, gegen zwei Meilen südöstlich von Luzy, direkt südlich von Mont-Beuvray durch Ausgrabungen Spuren des Schlachtfeldes festgestellt zu haben. Aber irgend eine direkte Beziehung auf diese Zeit, ja auch nur auf eine Schlacht zeigen die gefundenen Gegenstände nicht, so daß ein Beweis hieraus nicht zu führen ist. Nach Holmes S. 619 sind seitdem auch Trümmer von Schwertern, Wurfspießen und Helmen in der Nähe der aufgedeckten Verschanzungen gefunden worden, aber ein wirklicher Beweis ist auch das noch nicht.

Einen direkten Gegenbeweis aber bietet eine Stelle in Cäsars Text. Er sagt, die Boier und Tulinger hätten die Römer a latere aperto umgangen. Nach der gewöhnlichen Auffassung heißt »latus apertum« die rechte, vom Schilde nicht gedeckte Seite. Es ist aber klar, daß, wenn der Zug der Helvetier, wie Stoffel will, nach Westen gegangen und ihre Front zuletzt nach Süden gerichtet war, ihr Nachtrab den Römern nur in die linke Flanke kommen konnte. Stoffel tritt deshalb einen ausführlichen Beweis an, daß latus apertum nicht speziell die rechte, sondern überhaupt die ungedeckte Flanke heiße. Diesen Beweis aber hat Holmes umgestürzt durch den Hinweis auf die Stellen bell. Call. V, 35, 2 und VII, 4, wo latus apertum offenbar als technischer Ausdruck für »rechte Flanke« gebraucht wird. Holmes selber, so treffend ihm sonst Stoffels Ausführungen erscheinen, weil sich deshalb doch nicht mit unbedingter Sicherheit aussprechen. Ich möchte umgekehrt sagen, daß hiermit der strikte Beweis erbracht sei, daß die Schlacht östlich von Bibracte geschlagen wurde. Denn wenn die Helvetier nach Westen abzogen und schließlich den Rückzug nach Norden nahmen, so müssen sie nach der linken Flanke aufmarschiert sein und während der Schlacht die Front nach Süden gehabt haben; die Bojer und Tulinger also, welche von Westen her nachgerückt kamen, konnten den Römern nur in die linke Flanke fallen. Fand die Schlacht aber östlich von Bibracte statt und die Helvetier nahmen die Flucht ungefähr nach Nordosten, so hatten die Helvetier die Front nach Südwesten oder Süden, die nachrückenden Bojer und Tulinger konnten also den Römern in die rechte Flanke fallen. Das würde durchschlagend sein, wenn nicht Holmes feststellte, daß die Cäsar-Handschriften bloß »latere aperto« haben, was sich vielleicht auslegen ließe »indem ihre Flanke entblößt war«. Immerhin fällt das »latere aperto« mit viel größerer Wahrscheinlichkeit für einen Angriff der Boier in die rechte Flanke der Römer, damit für  die Feststellung des Schlachtfelders östlich von Bibracte, damit für die Auffassung, daß die Helvetier nicht auf dem Wege zu den Santonen waren ins Gewicht.

2. Manche von den notwendigen Einwendungen gegen Cäsars Darstellung sind bereits ganz richtig in dem groben Büchlein »Die Kämpfe der Helvetier, Sueben und Belgier gegen C. J. Cäsar. Neue Schlaglichter auf alte Geschichten von MAX EICHHEIM. Neuburg a.D. Selbstverlag. 1866« gemacht, aber bei dem offenbaren wissenschaftlichen Dilettantismus des Verfassers und seinem wilden Ausfahren nach rechts und links von der gelehrten Welt nicht beachtet oder abgelehnt worden. In einer Jenenser Dissertation hat dann H. RAUCHENSTEIN (Der Feldzug Cäsars gegen die Helvetier, 1882) versucht, Eichheims Kritik so zu sagen vernünftig zu machen und dessen Einwendungen wissenschaftlich und methodisch zu verwerten und zu gestalten. Auch er hat jedoch keine Zustimmung gefunden, da er an den äußeren Tatsachen zu gewaltsame Operationen vornimmt. Die Konsequenz seiner Auffassung zwingt ihn zuletzt, anzunehmen, daß Cäsar bei Bibracte nicht gesiegt habe, sondern im Gegenteil in sein Lager zurückgetrieben worden sei; der Kampf um die Wagenburg, sei nicht um die der Helvetier, sondern der Römer geführt worden, und die Helvetier hätten endlich, da sie doch nicht stark genug waren, die Römer zu überwinden, ein Abkommen mit ihnen getroffen.

Der Punkt, wo Rauchenstein vom rechten Wege abirrt, ist gleich im Anfang bei dem Zweck des helvetischen Auszuges. Wohl alle Bearbeiter des gallischen Krieges ohne Ausnahme haben empfunden, daß die beiden Zwecke, die Cäsar nebeneinander angibt, Auswanderung und Eroberung der Hegemonie über die gallischen Völker, sich nicht miteinander vertragen. Rauchenstein erkennt das, aber ebenso wie alle anderen sucht er die Korrektur in der falschen Richtung; er läßt die Eroberung beiseite und behält die Auswanderung bei.

So macht es freilich auch Cäsar selbst, der, obgleich er ausdrücklich sagt, daß die Helvetier auch nach dem Tode des Orgetorix an dem einmal gefaßten Beschluß (Auswanderung und Eroberung) festhalten, doch von da an nur noch von der Auswanderung spricht. Er konnte nicht umhin, diese Lücke zu lassen, da er uns ja den eigentlichen Grund des Helvetierzuges, den beabsichtigten Kampf gegen Ariovist, der die Einmischung der Römer in die gallischen Dinge überflüssig und untunlich ge macht hätte, nicht gestehen will. Setzt man diesen wahren Zweck in seine Erzählung ein, d.h. streicht man von den beiden Motiven, die er gibt und von denen eins unter allen Umständen fallen muß, die Auswanderung oder vielmehr reduziert diese auf eine bloße politisch-militärische Maske, so ist alles vollständig klar.

Rauchenstein legt Gewicht darauf, daß Cäsar trotz seines Sieges weder die Helvetier verfolgte noch nach Bibracte ging, während er uns doch vorher gesagt hat, daß seine Soldaten nichts mehr zu leben hatten. Die Erklärung ist, daß der Sieg Cäsars bereits alles gab, was er brauchte. Er verfolgte die Helvetier nicht, weil ihm nicht nur nichts daran lag, sie zu vernichten, sondern er im Gegenteil sie, nachdem sie besiegt waren, zu schonen wünschte, da er ja jetzt als Vorkämpfer aller Gallier gegen Ariovist aufzutreten gedachte. Dazu stimmt sehr gut, daß der römische Feldherr, was er selber nicht erzählt, Mommsen aber Hermes, Bd. 16 S. 447 nachgewiesen hat, den Helvetiern einen sehr günstigen Vertrag gewährte. Wiederum sofort in der entgegengesetzten Richtung auf Bibracte abzumarschieren, wäre unklug gewesen, da es den Anschein erwecken konnte, als ob der Sieg nicht so ganz zweifellos gewesen wäre. Lebensmittel aber werden die Häduer den Römern nach dem Siege schon geliefert haben, wo sie auch standen.

3. Die Untersuchung von H. KLÖVEKORN »Die Kämpfe Cäsars gegen die Helvetier i. J. 68« (Leipzig 1889) kenne ich nur aus der Besprechung von Ackermann in der »Wochenschr. f. klass. Philologie« 1889, Sp. 1392.

Eine Untersuchung über denselben Gegenstand von BIRCHER habe ich angeführt gefunden, habe sie jedoch nicht erlangen können.

4. Ein merkwürdiger Beweis, wie schwer es ist, sich von der Autorität des geschriebenen Wortes zu befreien, ist das Verhalten Napoleons III. und Stoffels zu Cäsars Zahlangabe. Napoleon gibt uns die Berechnung über die Länge, die der helvetische Wagenzug eingenommen haben müßte, wenn Cäsars Zahlen richtig wären. Aber weder er noch sogar Stoffel haben den Gedanken nun zu Ende gedacht und die Zahl Cäsars verworfen, und darauf gestützt erklärt wieder Holmes S. 224, da Stoffel doch ein Mann sei, der wisse, was er schreibe, daß Cäsars Zahlen sich nicht anfechten ließen. Aber nicht die Autorität, sondern die Natur der Dinge entscheidet hier, und das einzige sachliche Rettungsmittel, das Holmes gefunden hat, ist unbrauchbar. Er beruft sich darauf, daß die Helvetier doch nicht ihre Wagen alle in einer Reihe fahren zu lassen brauchten, sondern mehrere Reihen bilden konnten. Das kann man gewiß tun, aber nur so lange es über ebenes Feld geht. Ist auf dem Wege nur eine einzige schmale Stelle, eine Brücke, eine Furth, ein Hohlweg, so wirkt das ebenso, als wenn der ganze Weg schmal wäre. Mit sehr gutem Material und durchgebildeter Disziplin kann man wohl durchsetzen, daß die Wagen die Enge mit verdoppelter Schnelligkeit nehmen und dadurch das Hindernis ausgleichen. Aber das Mittel versagt bei einem Zuge, dessen Karren mit Ochsen bespannt und hauptsächlich mit Weibern und Kindern besetzt sind. Es versagt auch immer da, wo sehr weicher oder vom Regen aufgeweichter oder unebener Boden das zeitweilige Traben verhindert. Es ist deshalb anzunehmen, daß die »Völkerwanderungen«, wo sie tatsächlich vorgekommen sind, sich meist in einer Wagenlinie fortbewegten und ihr Hilfsmittel in sehr kurzen Tagemärschen hatten.

5. Daß Cäsars Angabe zu hoch sei, haben besonnene Köpfe auch damals schon in Rom erkannt. Wir dürfen das daraus entnehmen, daß wir bei Orosius (VI, 7, 6) eine andere Tradition finden, wonach der Auszug nur  157000 Köpfe stark war, von denen 47000 unterwegs umkamen. Diese Nachricht geht vermutlich auf einen der Generale Cäsars im Bürgerkrieg, Asinius Pollio zurück.

Aber obgleich dieser hiernach die 110000 Köpfe, die bei der Rückkehr der Helvetier in ihr Land gezählt sein sollen, akzeptiert hat, so muß auch diese Zahl noch viel zu hoch sein. Vermutlich ist die Zählung mehr eine Abschätzung oder Zusammensetzung nach der Angabe der Altermänner (der Hundertschaft-Vorsteher) gewesen, die es so genau nicht nahmen, als ein wirklicher Census. Wenn ich alle Bewegungen überdenke, die der Zug gemacht hat, so kann ich mir nicht vorstellen, daß er je auch nur annähernd 110000 Köpfe gezählt hat, und vermute deshalb, daß in dieser Zahl auch die in der Heimat Gebliebenen einbegriffen sind. Bei Strabo IV 3,3 finden wir die Nachricht, daß die Zahl der Übriggebliebenen 8000 gewesen sei. Sollte diese Notiz so ganz aus der Luft gegriffen sein? Beziehen wir sie nur auf die Krieger und nehmen an, daß in Anbetracht der großen Verluste und der Lostrennung der Bojer, die bei den Häduern blieben, die Zahl ursprünglich um die Hälfte größer gewesen ist, so hat sie alle innere Wahrscheinlichkeit für sich. 12000 tapfere Barbaren mögen sich wohl zugetraut haben, es mit 4 römischen Legionen aufnehmen zu können, und die Heeresbewegungen erregen bei einem Zuge, der im ganzen vielleicht 20000 Köpfe zählte, keine Bedenken mehr.

Die Untersuchung von WACHSMUTH Klio Bd. III (1903) S. 281 beruht auf der Voraussetzung der Glaubwürdigkeit der von den antiken Schriftstellern überlieferten Bewegungen der Hunderttausende.

6. VEITH a.a.O. gibt im Text seines Werkes Cäsars Erzählung wieder, im Anhang meine Auffassung, mit dem Vorbehalt, daß Cäsar nicht bewußt entstellt, sondern selber den Zusammenhang nicht durchschaut habe.

7. In Widerspruch zu meiner Auffassung haben mehrere neuere Untersuchungen die Glaubwürdigkeit von Cäsars Bericht in den Hauptsachen zu verteidigen gesucht, namentlich den Auswanderungsplan der Helvetier festgehalten und demgemäß die Schlacht nicht östlich, sondern südwestlich oder südlich von Bibracte angesetzt. Ich nenne: ZIEHEN, Der neueste Angriff auf Cäsars Glaubwürdigkeit. (Ber. d. fr. deutschen Hochstifts zu Frankfurt a. M. 1901.) FR. FRÖHLICH, die Glaubwürdigkeit Cäsars in seinem Bericht üb. d. Feldzug geg. d. Helvetier. Aarau 1903. H. BIRCHER, Bibracte. Aarau 1904.

Der entscheidende Punkt ist, ob die Helvetier wirklich an die Garonne-Mündung haben auswandern wollen, oder ob dieser Plan nur ein Vorwand war, um einen Hilfszug für die häduische Patriotenpartei gegen Ariovist einzuleiten.

Bei der zweiten Annahme erklärt sich sowohl das Abschwenken des Zuges nach Norden, nach dem Sonne-Übergang, wie das Umkehren zur Schlacht sehr einfach, bei der ersten bleibt beides schlechthin unerklärlich.

Ziehen sagt: »Ich muß nun zunächst sagen, daß sich im Jahre 1900 auf Grund vorzüglicher Karten sehr leicht Ratschläge über Wege, die man wählen kann, geben lassen, für die armen Helvetier aber vor 2000 Jahren diese Kenntnis nicht so einfach zu erwerben war, zumal sie die Römer hinter sich hatten. Woher weiß ferner Delbrück, ob die von den französischen Gelehrten ausfindig gemachten Wege schon damals wirklich gangbar waren? Aber nehmen wir selbst an, sie seien es gewesen und die Helvetier hätten davon gewußt, so ist es durchaus möglich, daß sie ihnen durch die dortigen Gebirgsbewohner versperrt wurden. Wir wissen aus den Verhandlungen mit den Sequanern am Anfang des Zuges, wie viel den Helvetiern darauf ankam, schwierige Defilees zu vermeiden, und Delbrück selbst sagt gerade an unserer Stelle, die Helvetier hätten auf jenen Gebirgswegen die Römer leicht mit einer kleinen Nachhut aufhalten können. Was aber für die Helvetier gilt, muß auch gegen sie gelten; sie durften also diesen Weg nur dann wagen, wenn die Bevölkerung dort ihnen keine Schwierigkeiten machte, und die Möglichkeit, daß dies doch geschah, kann kein Mensch bestreiten.«

Ich erwidere darauf: daß durch die Gebirgstäler in dem ganz gut bevölkerten, an Städten und Verkehr keineswegs armen Lande auch Wege gingen, ist ganz selbstverständlich. Ebenso, daß die Helvetier sie kannten. Sie hatten ihren Zug seit langem vorbereitet und waren nicht so gedankenlos, ins Blaue zu marschieren. Ihre kundgegebene Absicht war zweifellos, den geraden Weg zu den Santonen zu nehmen – wozu hätten sie sonst die Saone so weit südlich überschritten und sich nicht schon weit früher, entweder von Genf aus, oder von ihrem Eintritt in die Ebene an, nordwestlich gewandt? Was hatte nun der Umweg im rechten Winkel für einen Zweck? Denkbar scheint, daß die Völkerschaften im Gebirge ihnen unerwartet die Pässe zu sperren suchten. Das Motiv ist aber nicht stark genug, um eine Maßregel, wie die völlige Änderung der Marschrichtung zu rechtfertigen. Paßbesetzungen in einem so mäßig hohen Bergland bereiten wohl Aufenthalt, sind aber zu umgehen und die Schwierigkeit, die dabei entsteht, ist nicht zu vergleichen mit der Gefahr, der die helvetische Heereszug sich in der Flußebene aussetzte, indem die Römer ihn verfolgten. Vor allem aber ist die hier erwartete Feindseligkeit der Bergvölker eine ganz leere Vermutung; Cäsar sagt davon kein Wort; er gibt uns nicht nur kein Motiv an für die erstaunliche Richtungs-Änderung des feindlichen Zuges, sondern es ist auch deutlich, daß er selber von vornherein nichts anderes als den Marsch nordwärts an der Saone entlang erwartet hat. Denn die Verproviantierung seines Heeres, auf die er sich eingerichtet hat, folgt ihm auf dem Fluß, und als er sich von der Saone abwendet, fehlt ihm der Wagenpark, der ihm die Lebensmittel nachfahren kann. Hätte der Römer sich ursprünglich den Feldzug vorgestellt als über die Berge ins Loire-Tal gehend, so hätte er notwendig für einen genügenden Train sorgen müssen. Cäsar gibt uns für die Abschwenkung der Helvetier nach Norden kein Motiv an, weil er selber nie an den Zug zu den Santonen geglaubt hat und die Schwenkung der Helvetier nach Norden ihm die natürlichere und selbstverständlichere ist.

Ganz ebenso steht es mit dem plötzlichen Umkehren der Helvetier zur Schlacht. Wollten sie zu den Santonen, warum in aller Welt ließen sie sich mit den Römern in eine Schlacht ein gerade in dem Augenblick, wo diese von der Verfolgung abstanden und eine andere Richtung einschlugen? Niemand hat bisher diese Frage auch nur einigermaßen plausibel zu beantworten übernommen.

Umgekehrt hat Fröhlich in dem Zeugnis Cäsars selbst den letzten Zweifel beseitigt. Ich habe oben geschrieben, daß der Angriff der Bojer und Tulinger »latere aperto« den Ausschlag geben müsse, falls dieser Ausdruck auch ohne die Zufügung der Präposition »a« die »rechte Flanke« bedeute. Fröhlich (S. 29) bringt nun zwei Stellen aus dem bellum Alexandrinum bei (20, 3 u. 40, 2), aus denen hervorgeht, daß die Zufügung der Präposition in der Tat bedeutungslos ist. Kamen nun die Bojer und Tulinger den Römern in die rechte Flanke, so muß nach der natürlichen Stellungnahme der Armeen der Abzug der Helvetier nach Ost oder Nord-Ost, also rechts von Bibracte erfolgt sein und Stoffels Konstruktion ist unmöglich geworden, da er den Angriff von links kommen lassen muß. Diesem Argument tritt nun freilich Bircher entgegen, indem er die hohen Heere bei der Aufstellung eine so starke Drehung (Römer Front nach Südwest) machen läßt, daß der Flankenangriff sie doch noch von rechts treffen konnte. Ich halte das für völlig ausgeschlossen; namentlich auch deshalb, weil das Gros der Helvetier dann nicht den Rückzug zu den Lingon en hätte nehmen können. Bircher selbst fügt noch hinzu, »am dunkelsten« seien die Folgen der Schlacht, sonderlich die rasende Flucht, 30 Kilometer den Tag. Jede Dunkelheit aber schwindet, wenn die Schlacht östlich von Bibracte, d.h. nicht sehr weit von den Grenzen der Lingonen stattfand.

8. ALFR. KLOTZ, Der Helvetierzug. N. Jahrb. f. d. klass. Altert. 1915. 35. u. 36. Bd. 10. Heft sucht wieder Cäsars Bericht zu retten, indem er über die Schwierigkeiten hinweggleitet.

9. KONR. LEHMANN, Sokrates, 69. Bd. 10/11. Heft. 1915. S. 488 verteidigt Cäsar im wesentlichen im Anschluß an meine Auffassung gegen die Angriffe Ferreros.

Ariovist.

Nach der Unterwerfung der Helvetier ließ Cäsar Deputationen gallischer Fürsten vor sich erscheinen, die ihn baten, sie von der Herrschaft des Ariovist zu befreien. Cäsar machte sich auf und stieß in der Gegend von Belfort oder im oberen Elsaß auf die Germanen.

Eine sichere Bestimmung des Ortes ist nicht möglich. Ariovist ging nicht direkt auf die Entscheidungsschlacht los, sondern umging das römische Lager und schlug eine kleine halbe Meile entfernt, an einen Berg angelehnt, seine Wagenburg auf, so daß er seine Reiter von dort aus vorschicken und die Straße, auf der die Römer ihre Lebensmittel bezogen, unterbrechen konnte. Da Ariovist nicht gedacht haben kann, ohne Schlacht fertig zu werden, ihm auch nicht daran gelegen haben kann, Cäsar einige Meilen zurückzumanövrieren, so dürfte der Zweck seines Manövers gewesen sein, Cäsar um der Verpflegung willen zu einer Rückwärtsbewegung zu nötigen und ihn dann im Marsche anzugreifen. Die Stärke seines Heeres lag in der Verbindung von Reitern und leichten Fußkämpfern, die miteinander eingeübt und sehr gefürchtet waren. Gegen diese Truppe trauten sich die gallischen Reiter, die Cäsar bei sich hatte, nicht heraus.

Dieses Waffenverhältnis, die Überlegenheit der Germanen in dem eigentümlichen Mischkampf muß auch zur Erklärung von Ariovists Manövererfolg dienen. Man könnte sich sonst kaum vorstellen oder müßte in Cäsar im Verhältnis zu Ariovist einen ganz inferioren Feldherrn sehen, daß es diesem gelungen ist, so unmittelbar am römischen Lager, also ganz nahe vorbei- und herummarschierend, seine Wagenburg aufzuschlagen. Auch wenn Cäsars Schilderung noch so sehr übertrieben ist, wenn nicht ganze germanische Völkerschaften mit Weib und Kind, sondern sozusagen nur mobile Krieger mit einem kleinen Gefolge von Troß und Frauen die Bewegung gemacht haben, so sind bloß einige hundert Karren doch schon eine schwere Belastung und dürfen während des Zuges oder beim Aufmarsch zur Wagenburg nicht einem geordneten feindlichen Angriff ausgesetzt werden. Verständlich wird der Vorgang erst, wenn man hinzunimmt, daß Ariovist imstande war, seine Umgehungsbewegung gleichzeitig durch eine geschickte Benutzung des Geländes und durch die Hamippen zu decken. Nachdem die Umgehung gelungen war, beherrschte Ariovist die Ebene und fing die Zufuhren ab, und wenn das römische Heer sich nach irgend einer Richtung in Marsch setzte, so mußte es ihm sehr schwer werden, sich selbst und seinen Troß gegen die bald hier, bald dort ansetzenden Schwarmattacken dieser todverachtenden Barbaren zu verteidigen. Ariovist hatte mit vollendeter Geschicklichkeit operiert, aber Cäsar war ihm überlegen. Zunächst forderte er ihn wiederholt zur Schlacht heraus, indem er sein Heer in der Ebene aufmarschieren ließ. Ariovist hütete sich, aus seiner Wagenburg herauszukommen, und das hob die Moral der römischen Soldaten, die die Zurückhaltung der Germanen als Feigheit auslegten. Aber man mußte vor allem die Zufuhrstraße wieder frei machen. Cäsar rückte mit seinem Heer in Schlachtordnung auf einen Platz, der den Germanen den Eintritt in die Ebene in der Richtung auf Cäsars Zufuhrstraße versperrte, ließ die beiden vorderen Treffen in Schlachtordnung stehen und hinter ihnen von dem dritten eine Befestigung anlegen, die für zwei Legionen Platz bot und mit ihnen besetzt wurde. Vergeblich versuchte Ariovist, sobald das Gros der Römer in das Hauptlager zurückgekehrt war, das kleine Lager in einem schnellen Anlauf zu erstürmen. Cäsar konnte sich aus seine Anlage und die Besatzung so sehr verlassen, daß er nicht einmal das Gros zum Entsatz herausführte. Am andern Tage aber stellte er sich mit seinem ganzen Heer von neuem zur Schlacht auf und rückte nah an die germanische Wagenburg heran. Ariovist entschloß sich nunmehr, die Schlacht anzunehmen. Cäsar konnte es jetzt besser aushalten, als er; er hatte seine Verpflegung gesichert und die Germanen hatten durch Hinziehen nichts mehr zu gewinnen. Ariovist muß ja seit vielen Wochen oder Monaten auf das Herannahen des Krieges vorbereitet gewesen sein und hatte sicherlich alle verfügbaren Kräfte herangezogen, ehe er den Römern entgegen ging. Er hätte ja sonst ohne Schwierigkeit und wesentliche Opfer noch weit zurückweichen und Cäsar hinter sich herziehen können. Aber das hat ihm gewiß sehr fern gelegen. Zu einem Sturm auf die germanische Wagenburg wiederum hätten sich die Römer sicherlich nicht verlocken lassen, und längeres Warten hätte, da sie die Herausfordernden waren, ihre Moral erhöht, die der Germanen geschwächt. Ariovist trat also aus seiner Wagenburg heraus und ordnete seine Krieger völkerschaftsweise zur Schlacht.

Abermals bewährte sich die Treffentaktik der Römer. Als ihr linker Flügel in Bedrängnis geriet, führte der junge Crassus, der eigentlich die Reiterei kommandierte, das dritte Treffen auf diese Seite und gewann durch diese Verstärkung, wie schon Cäsar auf dem andern Flügel, die Oberhand.

In Cäsars Erzählung vermissen wir jede Angabe über die Stellung und das Verhalten der Reiterei. Wo waren die gefürchteten germanischen Doppelkämpfer? Weshalb fielen sie nicht, nachdem sie die gallischen Reiter verjagt, den römischen Legionen in Flanke und Rücken, wie Hannibals Reiter bei Cannä? Daß sie durch irgend einen Zufall nicht zur Stelle gewesen, ist völlig ausgeschlossen, da Ariovist sonst nicht gerade an diesem Tage aus seiner Wagenburg herausgekommen wäre.

Auf die Beantwortung dieser Frage kommt natürlich alles an. Cäsar schweigt darüber. Die Antwort ist, glaube ich, bei seinem berufensten Kommentator, Napoleon I., zu finden, der in seinem Diktat auf St. Helena über die Kriege Cäsars, entgegen allen damaligen Anschauungen, ausspricht, daß die Germanen nicht stärker gewesen sein können als Cäsar. Wir dürfen einen Schritt weiter gehen: für das Fehlen der germanischen Reiter in der Schlacht gibt es nur die eine Erklärung, daß Ariovist an Fußtruppen so schwach war, daß er die Beigänger der Reiterei mit in die Infanterie hatte einstellen müssen. Diese Reduzierung ermöglichte es den gallischen Reitern, sich einigermaßen gegen die germanischen zu halten und ihnen die Flankenwirkung auf die Legionen zu versagen. Cäsar hat uns das verschwiegen, weil er weder die numerische Überlegenheit seines Heeres über das germanische, noch die Mitwirkung und das Verdienst der verbündeten gallischen Reiter erzählen wollte.

Eine willkommene Bestätigung der Vermutung, daß Ariovists Heer nur sehr klein war, ergibt sich aus der Mitteilung Cäsars (I, 40) über die Art, wie der Germanenkönig die Herrschaft über die Gallier erlangt hatte. Monatelang, sagt er, habe er sich durch Sümpfe gedeckt im Lager gehalten (cum multos menses castris se ac paludibus tenuisset neque sui potestatem fecisset). Selbst wenn die Monate auch nur Wochen gewesen sein sollten, so ist doch damit schon mit Sicherheit ausgeschlossen, daß das Heer mehrere Zehntausende stark war, um so mehr, da es ja Weiber und Kinder mit sich führte und außer den Pferden sicherlich auch Viehherden zu füttern hatte. Mag man sich vorstellen, so unwahrscheinlich es ist, daß die Germanen noch viel mehr Getreide als selbst die Helvetier auf ihren Karren mit sich geführt haben, die Helvetier blieben in Bewegung und entnahmen die Fourage der Landschaft: die Germanen im Lager mußten ihre Pferde aus ihren Vorräten füttern. Sicherlich ist das Heer, das Ariovist den Römern entgegenführte, stärker gewesen als das, mit dem er erst seine Herrschaft begründete, aber der Kern war doch derselbe; man kann vielleicht an eine Verdoppelung, aber nicht an eine Verzehnfachung denken.

Die Feststellung der Tatsache der wahrscheinlich sehr erheblichen numerischen Überlegenheit der Römer macht uns nun rückwärts schauend auch Ariovists Manövrieren noch verständlicher und erklärt eine andere berühmte Episode dieses Krieges.

Als Cäsar auf seinem Vormarsch gegen Ariovist bis Besançon gekommen war, meuterten die Truppen und wollten ihm gegen die schrecklichen Germanen nicht weiter folgen. Cäsar sprach ihnen Mut ein, erzählte von jenem früheren Feldzug des Ariovist und schloß seine Rede mit der Verkündigung, wenn die andern nicht wollten, so werde er mit der zehnten Legion allein vormarschieren.

Wären die Germanen wirklich einem Heer von sechs Legionen an Zahl überlegen gewesen, so hätte die Ankündigung des Krieges mit einer Legion auf die Soldaten doch kaum einen guten Eindruck machen können; sie hätten von ihrem Feldherrn den Eindruck eines miles gloriosus gehabt. Cäsar wird aber noch einen Satz hinzugefügt haben, den er nicht in die Kommentare aufnahm: nämlich die Germanen seien so schwach an Zahl, daß er sich getrauen wollte, sie mit der zehnten Legion allein zu schlagen. Das werden die Gallier den römischen Soldaten bestätigt haben, und daraufhin faßten die Römer sich ein Herz und ließen sich von ihrem Feldherrn in die ferne, unbekannte Wildnis zum Kampf mit den ungeschlachten germanischen Recken hinausführen.

Wir würden über diesen Feldzug viel mehr und mit größerer Bestimmtheit sprechen können, wenn wir imstande wären, mit einiger Sicherheit die Märsche der beiden Heere und das Schlachtfeld zu bestimmen. Nicht nur um Cäsars und der römischen Kriegskunst willen wäre das wünschenswert, sondern auch um der Gegner willen; Ariovist muß eine nicht nur gewaltige, sondern auch strategisch genial angelegte Persönlichkeit gewesen sein. Er geriet an seinen Stärkeren und ist zugrunde gegangen, aber in der Mitte zwischen den Cimbern und Arminius ist er ein gewichtiger Zeuge für die ursprüngliche kriegerische Veranlagung des germanischen Volkes. Von den Cimbern wissen wir so gut wie nichts, als daß sie römische Heere besiegt haben und endlich besiegt worden sind. Es wäre denkbar, daß sie keine andere Eigenschaft als rohe Kraft besessen haben, aber da wir sehen, wie geschickt und kühn, geradezu kunstvoll schon Ariovist manövriert, und wie wieder bald nach Ariovist Arminius vor unsern Blicken erscheint, so können wir nicht zweifeln, daß von Anbeginn an nicht bloß das sozusagen wilde, sondern auch das höhere, intellektuelle Moment des Krieges dem germanischen Geiste innewohnte und bedauern, daß wir nicht noch ein anschaulicheres, konkreteres Bild von der Führung des Ariovist gewinnen können.

1. Bei Dio Cassius finden sich hier und da Wendungen, die mit der oben vorgetragenen Auffassung des helvetischen und germanischen Feldzuges übereinstimmen. Als Quellenzeugnis sind sie jedoch nicht zu verwerten, seitdem J. MELBER in einem Münchener Programm (1891) »Der Bericht des Dio Cassius über die gallischen Kriege Cäsars« schlagend nachgewiesen hat, daß dieser Bericht nichts als ein rhetorisch überarbeitetes Exzerpt aus den Kommentaren ist. Auch diesem Bearbeiter aber entgingen die Lücken und Widersprüche in Cäsars Darstellung nicht ganz, und er hat sie zuweilen aus eigener Einsicht in der rechten Richtung ergänzt.

2. Schon Napoleon I. klagt in seinem Précis, daß Cäsars Schlachten in Gallien »ohne Namen« topographisch nicht zu fixieren und deshalb nicht vollständig zu beurteilen seien.

Unzählige Versuche sind gemacht worden, den Ort der Germanenschlacht zu bestimmen, aber keiner hat allgemeine Anerkennung gefunden. [522] Die Möglichkeit der verschiedenen Kombinationen wird in diesem Fall noch besonders dadurch vermehrt, daß eine der wichtigsten Lesarten unsicher ist. Die Cäsarhandschriften sagen übereinstimmend, daß die Römer die geschlagenen Germanen 5000 Schritt (passus) weit bis an den Rhein verfolgt hätten, also eine deutsche Meile. Plutarch aber, der aus Cäsar geschöpft hat, sagt 400 Stadien, das sind 50000 Schritte, und eben diese Zahl liest man bei Orosius, der ebenfalls auf Cäsar zurückgeht. Es ist also möglich, ja wahrscheinlich, daß die Zahl in den Cäsarhandschriften verdorben und die Flucht der Germanen nicht eine, sondern zehn Meilen weit bis an den Rhein gegangen ist. Das ist um so wahrscheinlicher, als nur eine Meile vom Rhein, also mitten in der elsässischen Ebene, die Manöver Cäsars und Ariovists gar nicht zu erklären wären; man bedarf notwendig eines von den Bergen in gewissen Beziehungen begrenzten und beengten Geländes.

3. Kapitel. Ariovist

Dies würde durchschlagen, wenn nicht gelegentlich der rheinregulierung Wasserbautechniker zu der Ansicht gekommen wären, daß in alter Zeit ein Arm des Rheins durch das Gebiet der jetzigen Ill geflossen sei. Auf Grund dieser Feststellung hat GÖLER an den 5000 Schritten festgehalten und sucht das Schlachtfeld an der Südgrenze der Vogesen bei Sennheim (Cennay) nordöstlich von Belfort.

In dieselbe Gegend, aber in den Manövern entgegengesetzt, verlegt Napoleon III. die Schlacht.

40 Kilometer weiter nördlich an dem Fuß der Vogesen, zwischen Colmar und Schlettstadt, nahe bei Rappoltsweiler, sucht Oberst STOFFEL das Schlachtfeld. Nach der Schilderung dieses scharfblickenden Militärs und trefflichen Kenners des Cäsarischen Kriegswesens ist bei dem Dorfe Zellenberg eine Gegend, in die die von Cäsar geschilderten Manöver vollständig hineinpassen. Der Wagenzug der Germanen konnte etwa drei Kilometer von dem römischen Lager entfernt über die Vorberge der Vogesen hinübergeführt werden, wo die Legionen bergauf nur schwer einen Angriff auf sie machen konnten, und das kleine römische Lager wieder findet seinen Platz etwas südwärts, wo es den Germanen den Eintritt in die Ebene verschließt.

Gegen diese Hypothese hat WIEGAND 265 geltend gemacht, daß die Germanen aus einer Schlacht mit der Front nach Osten nicht den Rückzug zum Rhein hätten machen können. Der Einwand ist berechtigt, aber er läßt sich heben. Es ist sehr wohl möglich, daß die Germanen die Schlacht nicht unmittelbar vor ihrer Wagenburg um Zellenberg angenommen, sondern vorher eine Bewegung gemacht haben, so daß sie die Front nach Süden hatten. Cäsar berichtet eine solche Bewegung nicht direkt, sie kann aber erschlossen werden aus der Notiz, die Germanen hätten ihre Schlachtordnung mit ihren Wagen und Karren umgeben: sie haben also vor dem Gefecht mit der Wagenburg tatsächlich irgend eine Bewegung gemacht. Das Motiv, das Cäsar angibt, »damit keine Hoffnung der Flucht bleibe«, gehört in die Gattung der mit Ketten aneinandergeschlossenen Glieder in den Cimbernschlacht, und überdies sind die Germanen, wie wir nachher hören, trotzdem geflohen.

Nicht so leicht ist ein anderer Einwand zu beseitigen, den Colomb und Stolle266 erhoben haben. Cäsar sagt, daß er am siebenten Tage seines Abmarsches von Vesontio von der Annäherung des Ariovist Meldung erhalten und das Lager geschlagen habe, in dessen Nähe nachher die Schlacht stattfand; er habe jedoch nicht die gerade Straße genommen, sondern um durch offenes Gelände zu marschieren, einen Umweg, circuitus, gemacht von 50000 passus = 10 deutschen Meilen. Stoffel, wie die meisten andern, faßt nun den circuitus nur als einen Teil des ganzen Weges auf, nimmt an, daß das römische Heer in den sieben Tagen bis in die Gegend von Rappoltsweiler marschiert sei, was eine tägliche Marschleistung von 27 km im Durchschnitt bedeutet. Das ist gewiß keine unbedingte Unmöglichkeit, aber doch eine so starke Leistung, daß wir zum wenigsten ein Motiv für eine derartige Anstrengung finden können müßten. Ein solches Motiv ist aber nicht ersichtlich. Unmöglich kann Cäsar seine Truppen abgehetzt haben, in der Hoffnung, durch einen Gewinn von zwei oder drei Tagemärschen Ariovist noch unfertig gerüstet zu überfallen. Ariovist hätte, wenn er noch Verstärkungen erwartete, statt Cäsar entgegenzugehen, bloß stehen zu bleiben oder höchstens einen Tagemarsch zurückzugehen brauchen, um alles wieder auszugleichen. Auch wäre es, wenn Cäsar solche Gedanken gehabt hätte, unverständlich, weshalb er, als ihm gemeldet wird, Ariovist sei noch 38 km entfernt, Halt macht und ein Lager aufschlägt, statt ihm zu Leibe zu gehen. Colomb und Stolle haben also darin recht, daß unter den obwaltenden Umständen Cäsar nicht in sieben Tagen von Besancon nach Rappoltsweiler gelangt sein kann.

Trotzdem möchte ich die Stoffelsche Hypothese nicht aufgeben. Wir verlassen uns darauf, daß Cäsars Angabe, er sei sieben Tage marschiert, unbedingt richtig sei. Aber ist das so sicher? Der Bericht ist erst acht Jahre nach dem Ereignisse niedergeschrieben worden. Es ist möglich, daß irgendeine gleichzeitige schriftliche Aufzeichnung dabei eingesehen worden ist; aber vielleicht ist sie auch nicht eingesehen worden, vielleicht enthielt sie keine Zeitangabe. Wenn wir in einem späteren Bande die Memoiren Friedrichs und Napoleons über ihre Feldzüge durchzugehen haben werden, die wir urkundlich kontrollieren können, wird man sehen, wie viele und wie starke Irrtümer, auch ohne jede Tendenz, sich dabei eingeschlichen haben. Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß Cäsar sich in seiner Erinnerung getäuscht und daß der Marsch nicht sieben, sondern neun oder zehn Tage gedauert hat, und damit ist der Einwand gegen Stoffel behoben.

Noch weniger Gewicht lege ich auf den anderen, daß von Rappoltsweiler bis zum Rhein die Verfolgung nicht zehn Meilen weit gegangen sein könnte. Der direkte nächste Weg zum Rhein würde allerdings nur etwa 21/2 Meilen betragen haben, aber wenn die Schlacht mit der Front nach Süden geschlagen wurde, so konnten die Germanen nur in einem sehr spitzen Winkel an den Rhein gelangen, und es ist auch nicht ausgeschlossen, ja höchst wahrscheinlich, daß Cäsars Angabe wieder sehr übertrieben ist.

Einer so weitgetriebenen Skepsis gegenüber wirft vielleicht jemand die Frage auf, wie wir für die Perserkriege überhaupt wagen könnten, etwas auszusagen. Hier haben wir die Aufzeichnung eines vielleicht befangenen und einseitigen, aber eines sachkundigen und mithandelnden Zeugen ersten Ranges – dort die Niederschrift eines gänzlich sachunkundigen Erzählers, der das Gerede der Leute nach einem halben Jahrhundert wiedergibt. Gewiß ist Cäsar eine unendlich viel bessere Quelle als Herodot, und ich möchte zunächst umgekehrt denen gegenüber, die Herodot nacherzählen zu dürfen glauben, betonen, daß, wenn selbst bei Cäsar so große Vorsicht geboten ist, Herodot noch viel verdächtiger erscheinen muß. Für die historische Erkenntnis der Perserkriege brauchen wir aber dennoch nicht zu verzweifeln, denn gerade hier besitzen wir ein Hilfsmittel der Sachkritik, das wir bei Cäsar so schmerzlich entbehren: die Perserschlachten sind topographisch fixierbar, und das Gelände ist ein so wesentlicher Teil jedes Gefechts, daß, wo wir diesen Zeugen sicher haben, viele Ungenauigkeiten der überlieferten Erzählung dadurch aufgehoben werden.

Die früheren Hypothesen über den Ort der Ariovistschlacht haben alle den Fehler, unerklärbare sachliche Schwierigkeiten zu bieten. Die Gölersche, die überdies die Einschiebung eines von Cäsar nicht berichteten Marsches der Legionen erfordert, gibt namentlich für das kleinere römische Lager und seinen Zweck keinen passenden Platz. Napoleon III. läßt die Germanen ihre Umgehung durch die elsässische Ebene machen, wo ihnen das Gelände keinerlei Schutz gegen einen römischen Flankenangriff während des Marsches geboten hätte. Die Stoffelsche Hypothese hebt alle sachlichen Schwierigkeiten. Es ist auch durchaus verständlich, daß Ariovist, in dem Bewußtsein, daß seine Stärke in seinen Doppelkämpfern liege, die Römer erst ganz in die elsässische Ebene hineinkommen ließ, ehe er ihnen entgegenging. Aber es ist nicht zu leugnen, daß die Ortsbestimmung mit dem Wortlaut des Textes der Kommentare, wie er vorliegt, nicht zu vereinigen ist.

Die neueste Hypothese von COLOMB UND STOLLE267 wonach die Schlacht bei Arcey, 10 Kilometer östlich von Mömpelgard geschlagen wurde, hat den Vorzug, den beiden positiven Raum- und Zeitangaben Cäsars (über 50000 passus mit dem circuitus von Besançon und 50000 passus vom Rhein) genau zu entsprechen. Auf dem Umwege etwa über Voray, Pennesières, Villersexel ist Arcey etwas über 10 Meilen von Besancon und ebenso viel in gerader Linie vom Rhein entfernt. Der Einwand, daß nur wenig über zehn Meilen für einen Marsch von 7 Tagen zu wenig sei, ist mit Recht zurückgewiesen. Die Römer mußten mit großer Vorsicht marschieren und  jeden Abend ihr Lager befestigen; sie hatten keinen Grund zu besonderer Eile, und es ist ja auch denkbar, daß schlechtes Wetter die Wege verdorben und den Marsch aufgehalten hat.

Was dennoch gegen die Hypothese einzuwenden ist, ist folgendes:

Erstens. Es ist nicht einzusehen, weshalb Cäsar, als ihm bei Arcey gemeldet wurde, Ariovist sei 36 Kilometer entfernt, Halt machte. War er schon tief im Elsaß, so ist dieses Halt verständlich und natürlich: der römische Feldherr wollte seine Operationslinie nicht unnötig verlängern und den Verpflegungsnachschub erschweren. Ein Halt bei Arcey, noch mitten im Sequanerlande, fern vom Feinde, hätte den Eindruck der Ängstlichkeit gemacht; bei Rappoltsweiler war man dem Feinde so weit entgegengegangen, daß davon keine Rede mehr sein konnte.

Zweitens. Bei Arcey begreift man weder den Zweck noch die Ausführbarkeit des germanischen Umgehungsmanövers. Stolle hat seine Untersuchung nicht so weit erstreckt, und Colombs Ausführungen sind weder sachlich noch quellenkritisch haltbar. Er nimmt an, Cäsars Lager sei zwischen Sésmondans und Désandans gewesen und Ariovist habe ihm, von Mömpelgard kommend, bei Arcey die Zufuhrstraße verlegt. Weder war aber dadurch den Römern wirklich die Zufuhr abgeschnitten, denn sie konnten sie von den Lingonen und Leukern kommen lassen, noch hätten die Germanen durch die Ebene an dem römischen Lager vorbeikommen können, denn sie wären dabei nicht nur von den gallischen Reitern, sondern auch von den Legionen angegriffen worden.

Schon FRÖHLICH, Cäs. Kriegswesen, S. 206, hat die Ansicht Rüstows, der auf Vegez gestützt einen gewöhnlichen römischen Tagemarsch »justum iter« zu 30 Kilometer ansetzte, als erheblich zu hoch zurückgewiesen. Colomb und in sehr sorgfältiger und gelehrter Untersuchung STOLLE suchen nun darzutun, daß er im Ernstfalle im Feindesland nicht mehr als 12-14 Kilometer betragen habe. Stoffel nimmt 25 Kilometer an, was immer noch etwas mehr wäre, als bis in unsere Tage für normal galt, obgleich der römische Soldat an jedem Abend noch die Lagerbefestigung anzulegen hatte. In einer neueren Untersuchung »Das Lager und Heer der Römer« Straßburg 1912 hat STOLLE seine Ansicht erfolgreich verteidigt.

3. WINKLER. Der Cäsar-Ariovistsche Kampfplatz, Kolmar 1907, glaubt festzustellen, daß in einigen Punkten sich die von Stoffel bestimmte Gegend doch nicht mit der Beschreibung Cäsars vereinigen lasse und sucht das Schlachtfeld noch 23 Kilometer weiter nördlich. FABRICIUS, Zeitschr. f. d. Gesch. d. Oberrheins, hat die topographischen Untersuchungen nachgeprüft, findet manches bestätigt, anderes aber wieder nicht.

4. CHR. EBERT, Üb. die Entstehung des Bellum gallicum (1909) will jetzt nachweisen, daß Cäsar jedes Buch einzeln sofort geschrieben und publiziert habe. Überzeugt hat er mich nicht; aber selbst wenn er recht haben sollte, so ist nach meiner Kenntnis kriegsgeschichtlicher Memoiren ein Irrtum, wie der oben angenommene, daß ein Mensch nicht sieben, sondern neun Tage gedauert habe, keineswegs ausgeschlossen.

Die Unterwerfung der Belgier.

Als Befreier der Gallier von der germanischen Herrschaft und an ihrer Spitze hatte Cäsar den Ariovist besiegt und darauf an dessen Stelle seine eigene Herrschaft im Lande aufgerichtet. Gleich im nächsten Jahr schritt er weiter, um auch die nördlichen Landschaften, die er selbst unter dem Namen der Belgier zusammenfaßt, zu unterwerfen.

Die Belgier hatten eine Vorstellung von der ihnen drohenden Gefahr, vereinigten sich und traten Cäsar, als er ihre Grenzen überschritt, mit einem großen Bundesheer entgegen.

Aber die Zivilisation hat Mittel der Kriegführung, die der Barbarei fehlen. Die Belgier waren wohl imstande, ein großes Heer zusammenzubringen, aber nicht, es zusammenzuhalten und zu ernähren. Wie die Cimbern und Teutonen auf ihrem Zuge nach Italien sich hatten teilen müssen und dann von Marius einzeln geschlagen wurden, so fand, statt es sofort auf eine entscheidende Schlacht gegen ein gleich starkes oder vielleicht erheblich überlegenes Heer ankommen zu lassen, Cäsar Mittel, die Bundesarmee aufzulösen, um es dann nur mit den einzelnen Völkerschaften zu tun zu haben. Cäsar hatte abermals zwei neue Legionen ausgehoben, so daß er im ganzen jetzt acht hatte; mit den Hilfstruppen, Numidiern, Kretern, Balearen, gallischen Reitern, mag das Heer 50000 Kombattanten, 80-100000 Köpfe gezählt haben. Eine solche Masse auf einem Fleck längere Zeit zu ernähren, dazu gehört eine sehr starke und zuverlässige Organisation, Fuhrpark, Lieferanten und Kassenwesen. Die Römer hatten solche Hilfsmittel, die Belgier nicht.

Cäsar aber hatte noch andere Hilfsmittel. Er schlug auf dem nördlichen Ufer der Aisne ein Lager auf, und sein Heer war so reich mit Werkzeugen ausgerüstet, die Soldaten in so guter Disziplin, die Technik so durchgebildet, daß binnen kürzester Frist eine uneinnehmbare Festung dastand. Napoleon III. hat auf einem von Göler bezeichneten Fleck nachgraben lassen und bei dem Dorfe Berry au Bac, einer Übergangsstelle, die auch im Jahre 1814 eine Rolle gespielt hat, sehr bedeutende Reste einer militärischen Anlage aufgefunden und festgestellt. Die Gräben waren 18 Fuß breit und 9-10 Fuß tief; der Wall mit Pallisaden-Brustwehr 12 Fuß, also 21-22 Fuß über der Grabensohle. Vor der Front des Lagers, das auf einem langgestreckten Hügel lag, zog sich ein sumpfiger Bach, die Miette, hin.

Soweit stimmt alles. Aber die Beschreibung, die Cäsar im einzelnen von der Richtung der Gräben und der Beziehung des Aufmarsches zu dem Lager gibt, läßt sich doch mit dem Befunde nicht vereinigen. Manche Forscher haben deshalb angenommen, Cäsar selber habe, als er seine Erzählung niederschrieb, die Lage nicht mehr deutlich und sicher im Gedächtnis gehabt,268 andere aber haben einen Platz, eine Meile abwärts (westlich) bei dem Dorfe Chaudardes als den Lager- und Kampfplatz bezeichnet,269 wo jedoch noch keine Ausgrabungen stattgefunden haben, die Vermutung sei es zu bestätigen, sei es zu widerlegen. Prinzipiell hat die Frage keine Bedeutung. Das Wesentliche bleibt, daß Cäsar auf dem nördlichen Flußufer seine Stellung nahm, den Flußübergang hinter sich (etwas seitwärts) durch einen Brückenkopf deckte und außerdem noch ein Kastell, das er mit sechs Kohorten besetzte, zur Deckung der Zufuhrstraßen auf der Südseite des Flusses anlegte.

Cäsar nahm seine Stellung auf der dem Feinde zugekehrten Seite des Flusses. Im Falle einer Schlacht hätte er den Fluß im Rücken gehabt, aber das feste Lager gab ihm so viel Sicherheit, daß er das wagen durfte, und er selber konnte von hier aus jeden Augenblick zur Offensive übergehen.

Das römische Lager war im Lande der Remer, einer belgischen Völkerschaft, die aber schon zu den Römern übergetreten war. Das belgische Bundesheer berannte zunächst die remische Grenzstadt Bibrax (Vieux-Laon oder Bièvres), jedenfalls in der Hoffnung, Cäsar dadurch aus seinem Lager herauszulocken, da die Eroberung des Städtchens an sich für ein großes Heer weder eine Aufgabe gewesen wäre, noch Bedeutung gehabt hätte. Es gelang Cäsar jedoch, die Besatzung durch Schützen und Schleuderer aus seinem Heer zu verstärken, so daß die Stadt sich hielt und die Belgier die Belagerung aufgaben. Nun gingen sie gegen das römische Lager selbst vor, und Cäsar ließ sein Heer ausrücken und stellte es in Schlachtordnung. Es kam jedoch über die Demonstration nicht hinaus, da mit Recht keiner von beiden Teilen sich zum Angriff durch das sumpfige Tal entschließen wollte.

Die Belgier machten noch den Versuch, mit einigen leichten Truppen weiter unterhalb über die Aisne zu gehen, um den Römern die Zufuhr abzuschneiden, aber Cäsar ließ das Ufer gut bewachen, konnte auf die erste Nachricht über seine Brücke seine eigenen Reiter und Schützen abschicken und verhinderte den Übergang. Wären die Belgier mit dem Gros ihres Heeres übergegangen, so hätten die leichten römischen Truppen das natürlich nicht verhindern können, aber das war für die strategische Fähigkeit der Belgier zu viel. Sie hätten ja in diesem Falle in der Tat den Römern die Operationslinie durchschnitten und die Zufuhr verhindert, aber in demselben Maße wären sie selber von ihrem Lande abgeschnitten gewesen und hätten es dem Einfall der Römer preisgegeben. Was sollten sie nun tun? Da die Römer zur Schlacht im freien Felde nicht herauskamen, so hätten sie ihr Lager von allen Seiten einschließen und sie aushungern müssen; bei dem durch die Aisne und den Sumpf durchschnittenen Felde hätten sie dazu einen sehr großen Kreis machen müssen. Nach Cäsars Angabe (der ihnen 306000 Mann gibt)270 hätte ihre numerische Überlegenheit, aber selbst wenn sie sie hatten, die Schwierigkeit der Verpflegung eines so großen Heeres überstieg ihre Kraft. Sie waren mit ihrer Kriegskunst zu Ende, und als nun noch die Nachricht kam, daß die mit den Römern verbündeten Häduer auf Cäsars Geheiß an anderer Stelle in ihr Land eingefallen seien und es verwüsteten, da faßten sie den Beschluß, nach Hause zu gehen. Es blieb ihnen nichts weiter übrig. Das Versprechen, sich gegenseitig zu Hilfe zu kommen, wenn die Römer ins Land fielen, war nichts als eine dekorative Verhüllung der vollständigen Niederlage. Cäsars Kriegskunst hatte es verstanden, die Überlegenheit des römischen Heeresorganismus über das barbarische Volksmassenaufgebot so zu verwenden, daß zunächst die Massen fast ohne Blutvergießen zerteilt und dann die einzelnen Teile mühelos überwältigt wurden. Der Erfolg war so groß, daß Cäsar im ersten Augenblick selber davon überrascht war und den Abzug der feindlichen Scharen für eine Kriegslist hielt. In der Nacht hatten die Belgier den Rückzug angetreten, erst am Morgen nahm die römisch-gallische Reiterei die Verfolgung auf und setzte den Flüchtigen noch scharf zu.

Auch die festen Plätze der Belgier ergaben sich jetzt den Römern, sobald diese ihre kunstvollen Belagerungsmaschinen gegen sie aufführten.

Eine einzige Gruppe von drei Völkerschaften, die Nervier, Veromanduer und Atrebaten, machten noch einen Versuch, durch Tapferkeit, verbunden mit Kriegslist, die Freiheit zu retten. Sie überfielen die Römer, deren Patrouillen nicht sorgsam genug gewesen waren, in dem Augenblick, als sie in einem waldigen Gelände an der Sambre das Lager aufschlugen. Die gallische Hilfsreiterei, die leichten Truppen und der Troß nahmen die Flucht, aber die römischen Legionare hatten Disziplin genug, sich nicht von der Panik ergreifen zu lassen und schnell ihre Ordnung zu finden. Sobald das Gefecht erst zum Stehen gekommen war, war es auch gewonnen, da die Römer es nur mit drei gallischen Stämmen zu tun hatten und deshalb, auch ohne die entflohenen Hilfstruppen, jedenfalls noch eine große, vielleicht die doppelte Überlegenheit besaßen. Zwei Legionen, die eine Zeit lang in großer Bedrängnis waren, wurden bald durch die anderen, die bereits gesiegt hatten, und die beiden letzten, die noch auf dem Marsch waren und herbeieilten, degagiert.

Schon in der Helvetierschlacht und wieder in der Germanenschlacht und jetzt zum drittenmal in der Nervierschlacht sind wir zu der Meinung gekommen, daß die numerische Überlegenheit auf seiten der Römer gewesen sei. Bei den Helvetiern schlossen wir das aus dem Heeresbewegungen vor der Schlacht: bei den Germanen aus ihrem früheren Feldzug gegen die Gallier und aus dem Verlauf der Schlacht selbst; bei den Nerviern wird uns die Bevölkerungsstatistik den Beweis liefern, und wer alle diese Beweise nur als Wahrscheinlichkeitsbeweise gelten lassen will, wird doch die Steigerung der Wahrscheinlichkeit dadurch anerkennen müssen, daß es nicht dieselbe, sich wiederholende Wahrscheinlichkeitsrechnung, sondern jedesmal ein ganz anderer Zusammenhang ist, der auf dasselbe Ergebnis führt. Zugleich sind wir jetzt bei einer Zahlangabe Cäsars angelangt, von der schon längst niemand mehr bestreitet, daß sie durch seine eigenen Aussagen als eine ungeheuerliche Übertreibung dargetan werden kann. Als die Nervier sich unterwarfen, sollen sie gemeldet haben, von ihren 600 Altermännern seien nur 3, von 60000 Waffenfähigen 500 übrig geblieben. Nichtsdestoweniger läßt Cäsar sie drei Jahre später schon wieder mit einem bedeutenden Heer auftreten (V, 329), und wieder zwei Jahre später schicken sie 5000 Mann nach Alesia, nicht etwa als ihr ganzes, sondern als ein bloßes Teilaufgebot. Ist es schon methodisch falsch, dem Autor, der uns die offenbar falsche Verlustangabe überliefert, die Stärkeangabe ohne weiteres zu glauben, so sind wir hier auch in der Lage, ihr eine positive Gegenberechnung gegenüberzustellen.

Durch den römischen Census haben wir eine vortreffliche, zuverlässige Grundlage für die Abschätzung der Bevölkerung Italiens zu Cäsars Zeit. Die eigentliche Halbinsel, ohne die Inseln, hatte damals etwa 31/2 bis 4 Millionen Einwohner oder 25 bis 28 auf den Quadratkilometer, Ober-Italien (Gallia cisalpina) 11/2 bis 2 Millionen oder 14-18 auf den Quadratkilometer. Etwas weniger als Cisalpina muß die römische Provinz gehabt haben, die noch nicht so lange dem zivilisierten Wirtschaftsleben angehörte, und wieder noch weniger das freie Gallien, wo die Völker fortwährend unter sich im Kriege lagen. Die obere Grenze für die Volksdichtigkeit des freien Gallien muß also etwa 9-12 Seelen auf den Quadratkilometer sein.

Eine untere Grenze läßt sich gewinnen durch den Vergleich mit Germanien. Die großen kriegerischen Leistungen der Germanen postulieren notwendig eine gewisse, nicht gar zu geringe Masse. Wie wir im nächsten Bande des nähern nachweisen werden, kann man unter etwa fünf Seelen auf den Quadratkilometer (250 auf die Quadratmeile) nicht herabgehen. Belgien ist jedenfalls schon stärker bevölkert gewesen als Germanien, das mittlere Gallien wieder stärker als Belgien. Die untere Grenze für die mittlere Volksdichtigkeit Galliens würde also etwa bei 7-8 Seelen auf den Quadratkilometer zu suchen sein. Das Gebiet der drei an der Sambre kämpfenden Völkerschaften läßt sich auf 18000 bis 22000 Quadratkilometer (400 Quadratmeilen) berechnen, davon 11000 auf die Nervier entfallend, sie zählten daher zusammen höchstens 150000 Seelen oder 40000 erwachsene Männer, von denen nach Abzug der Unfreien, der Alten, Kranken und Verhinderten allerhöchstens 30000, vermutlich sehr viel weniger, zur Stelle gewesen sein können während das römische Heer allein an Legionaren wenigstens 40000 Mann zählte.

1. Es könnte auffallend erscheinen, daß die apenninische Halbinsel gegen Ende unserer Zeitrechnung nur 25 bis 28 Einwohner auf den Quadrat-Kilometer gehabt haben soll, während wir für den römischen Kanton im Jahre 510 schon gegen 60 berechnet haben. Wenn jedoch in diesen Zahlen ein Fehler sein sollte, so müßte die zweite zu hoch, nicht die erste zu niedrig sein, da diese durch die in ihrem Zusammenhang völlig gesicherten Zahlen des römischen Zensus als durchaus beglaubigt angesehen werden kann, und wenn wir oben darzutun hatten, daß Rom im Jahre 510 nicht mehr als 60000 Einwohner gehabt haben kann, so müssen wir hier schon glaubhaft zu machen suchen, daß es wirklich so viel gewesen sein können. So ist es aber auch tatsächlich, da wir annehmen dürfen, daß 1) in dem halben Jahrtausend von Tarquinius bis Cäsar eine sehr wesentliche Vermehrung der Bevölkerung in Italien nicht stattgefunden hat; 2) fast die ganze Sklavenbevölkerung und mit ihr wohl ein Viertel bis ein Drittel der ganzen Bevölkerung des Kantons Rom i. J. 510 in der Stadt lebte, die Zufuhren von außen erhielt; 3) auch das Land relativ sehr stark bevölkert war, nicht nur wegen seiner Fruchtbarkeit, sondern auch weil es unter dem mächtigen Schutz der großen Stadt stand und im Verhältnis zu anderen Landschaften auf eine relativ Sicherheit genoß.

2. Die Grundlagen für unsere Berechnung sind wieder BELOCH entnommen, der die Aufstellungen seines Buches etwas modifiziert und eingehend verteidigt hat in einem Aufsatz im Rhein. Museum N. F. Bd. 54 S. 414 (1899), auf den ich für die Einzelheiten verweise, ferner vgl. oben S. 365. Seiner Verwertung der Zahlen, die Cäsar für das große Entsatzheer von Alesia angibt, vermag ich jedoch nur teilweise zuzustimmen. Er berechnet nämlich nach der Stärke der einzelnen Stammeskontingente, da Cäsar seine Zahlen doch einigermaßen den Größenverhältnissen der Völkerschaften angepaßt haben wird, eine in der Entfernung von der römischen Provinz nach Norden abnehmende Bevölkerungsdichtigkeit. Das ist eine sehr wertvolle statistische Bestätigung einer Tatsache, die wir sonst nur als eine aus den allgemeinen Verhältnissen zu erschließende hinstellen könnten. Weiteres aber ist aus diesen Zahlen nicht abzuleiten, da wir ja gar keinen Anhalt dafür haben, wie sich das Aufgebot zur Gesamtzahl der vorhandenen Männer verhielt und mit wie großer Sorgfalt oder Nachlässigkeit Cäsar seine Ansätze gemacht hat. Nur umgekehrt, da wir ja auf anderem Wege eine Vorstellung von der Bevölkerungsmenge Galliens gefunden haben, mag man zu der Wahrscheinlichkeit kommen, daß die angeblichen Alesia-Aufgebote etwa den dritten Teil der Waffenfähigen, den zwölften der Bevölkerung umfaßten.

Im Schlußergebnis neige ich mich auf Grund des Vergleichs mit den Germanen einer etwas höheren Schätzung der Gesamtbevölkerung Galliens zu als Beloch, nämlich 7-12 statt 6,3 auf den Quadratkilometer, was für das gesamte freie Gallien (523000 Quadratkilometer) 4 bis 6 Millionen Menschen er gibt.

3. Beloch l. c. Rhein. Mus. schätzt das Gebiet der Nervier (südliche Hälfte des Departement du Nord, Antwerpen, Hennegau, Hälfte von Brabant) auf 11000 Quadratkilometer; das Gebiet der Atrebaten und Moriner zusammen (Depart. Pas du Calais) auf 7000 Quadratkilometer. Die Veromanduer (Grafschaft Vermandois, Dep. Aisne) sind, da von Cäsar vor Alesia nicht genannt, von Beloch nicht besonders erwähnt. Daß gerade diese drei Völkerschaften etwa eine den Durchschnitt wesentlich übersteigende Volksdichtigkeit gehabt haben sollten, ist nicht anzunehmen, wenn auch ihr Land sehr schön und fruchtbar war. Die Nervier galten für die wildesten, »maxime feri« der Belgier und hatten überhaupt noch keine Stadt (als die Römer anrückten, bargen sie ihre Familien an durch Sümpfe geschützten Orten); das sind sichere Zeichen, daß ihr Wirtschaftsleben noch sehr unentwickelt, also auch ihre Nahrungsproduktion und ihre Bevölkerungsdichtigkeit gering war.

4. Auf Grund der jetzt gewonnenen Daten wollen wir noch einmal einen Blick auf die Helvetier werfen, deren Volksauszug Cäsar gemäß einer angeblichen Zählung auf 368000 Köpfe angibt.

Das Gebiet der Helvetier und ihrer Bundesgenossen ist, wie wir oben S. 497 gesehen haben, auf 18000 bis 25000 Quadratkilometer berechnet worden; die Volksdichtigkeit kann, wenn die kleinere Zahl genommen wird, die weniger Gebirgsland einschließt, größer gewesen sein als bei den Belgiern. Danach könnten die Helvetier 180-250000 Seelen gezählt haben.

So groß kann der Heereszug unmöglich gewesen sein: also nicht das ganze, sondern nur ein Teil des Volkes war in dem Zuge. War aber nur ein Teil des Volkes auf dem Zuge, so gibt das eine nachträgliche Bestätigung für die Vermutung, daß es sich überhaupt nicht um eine Volksauswanderung, sondern um einen Kriegszug gehandelt hat, dem nur um der politischen Maskierung willen eine gewisse Menge von Familien folgte.

Vercingetorix.

Cäsar hat Gallien unterworfen in kühnem, raschem Vorgehen, das doch mit großer Vorsicht, ja geradezu Behutsamkeit gepaart war. Strategie und Politik gingen Hand in Hand. Von Anfang an war er im Bunde mit einem Teil der Gallier selbst und wußte die Übrigen zu teilen, ehe er sich mit ihnen schlug. In den drei Schlachten, die ihn zum Herrn des ganzen gewaltigen Gebietes machten, verfügte er zweifellos jedesmal, sowohl gegen die Helvetier wie gegen Ariovist, wie gegen die Nervier, über eine bedeutende numerische Überlegenheit.

Nach den ersten Siegen reduzierte er seine Streitkräfte nicht nur nicht, sondern vergrößerte sie noch sehr erheblich. Gegen die Helvetier hatte er sechs Legionen geführt; zuletzt hatte er in dem eroberten Gallien 10 Legionen271 und überdies noch zur Deckung der Provinz zwei Legionen und zwei Kohorten272 und vermutlich in der Cisalpina noch 8 Kohorten, im ganzen also 13 Legionen.

Wir brauchen weder die weiteren Teilkämpfe noch die verwegenen Übergänge nach Britannien und über den Rhein zu verfolgen, sondern wenden uns gleich der Hauptentscheidung zu, die erst erfolgte, als im siebenten Jahr seiner Statthalterschaft sich alle gallischen Stämme zusammen erhoben und sich unter der Führung des Arverners Vercingetorix gegen ihn vereinigten.

Man sollte meinen, es hätte dem Vercingetorix nicht schwer fallen können, da ja Gallien gewiß eine Million felddienstfähiger Männer hatte, eine ungeheure Übermacht zusammenbringen und damit die Römer in einer Entscheidungsschlacht zu erdrücken. Aber das geschah nicht. Vercingetorix empfahl vielmehr seinen Landsleuten, ihre Überlegenheit an Reiterei zu benutzen, um den Römern die Zufuhr abzuschneiden und ihr eigenes Land sogar ringsum wüstzulegen, um auf diese Weise die Römer zum Abzug zu nötigen. Wäre das die Summe der strategischen Weisheit des Vercingetorix gewesen, so würden wir ihn für einen sehr dürftigen Geist halten müssen – denn was hätte es den Galliern genützt, wenn die Römer für einen Augenblick der Verpflegung wegen in ihre Provinz zurückgewichen wären? Sie wären sehr bald wiedergekommen. Die Befreiung Galliens war nicht zu erreichen durch bloßes Manövrieren: man mußte, wenn man der Römer wirklich ledig werden wollte, ihr Heer so schlagen, daß es die Luft wiederzukommen verlor, es womöglich vernichten, so wie es die Cherusker später im Teutoburger Walde vorgeführt haben. In der Tat sind auch die Gedanken des Vercingetorix dahin gegangen. Cäsar sagt uns das allerdings nicht das erste-, aber das zweitemal, wo er auf den gallischen Kriegsplan zu sprechen kommt (VII, 66), und da er uns selber Vercingetorix als eine höchst bedeutende Persönlichkeit schildert, so dürfen und müssen wir annehmen, daß der gallische Nationalheld von Anfang an die richtige strategische Einsicht gehabt hat, daß es nämlich darauf ankomme, nicht die Römer zu entfernen, sondern sie zu besiegen. Das Abschneiden der Lebensmittel ist nur als eine vorbereitende Maßregel zu verstehen, um für die Schlacht günstige Bedingungen zu schaffen.

Dieser günstigen Bedingungen, die Vercingetorix anstrebte, waren zwei: erstens die Gewinnung derjenigen gallischen Stämme, die anfänglich noch zu den Römern hielten, namentlich der Häduer, für die nationale Sache, und zweitens die Gelegenheit zu einem Überfall, zu einem Angriff auf das römische Heer im Marsch.

Das erste gelang. Da die Gallier sich zur Schlacht nicht stellten, so mußte Cäsar zu Belagerungen schreiten, nahm die Hauptstadt der Bituriger, Avaricum (Bourges), durch förmlichen Angriff und teilte endlich sein Heer, um die Völkerschaften einzeln zu unterwerfen und ihre Städte zu erobern. Mit vier Legionen sandte er Labienus gegen Paris, mit sechs Legionen schritt er selbst zur Belagerung des Hauptortes der Arverner Gergovia. Aber die Teilkräfte waren für ihre Aufgabe zu schwach. Cäsar erlitt selber vor Gergovia bei einem Überrumpelungsversuch eine Schlappe, und mit Mühe schlug sich Labienus durch die Gallier, die ihm den Weg verlegten, durch, um sich mit Cäsar wieder zu vereinigen (im Gebiet der Seine), der ihm entgegenzog. Hochgemut durch diesen Erfolg schlossen sich jetzt fast alle gallischen Stämme den Arvernern an.

Obgleich Cäsar sein vereinigtes Heer auch noch durch neu angeworbene germanische Reiter verstärkte, so war er dennoch nicht imstande, sich im mittleren Gallien zu halten, sondern mußte suchen, sich für seine Verpflegung auf die römische Provinz zu basieren. Er richtete seinen Marsch durch das Gebiet der Lingonen (bei Langres), die noch zu ihm hielten, auf das Gebiet der Sequaner. Göler, wie Napoleon III., sind der Meinung, daß er nach Besançon habe ziehen wollen, um diese Stadt als Waffenplatz zu benutzen.

Von dort, meint Göler, hätte er der römischen Provinz leichter Hilfe bringen können, als wenn er nördlich im Lande der Senonen geblieben wäre, und hatte auf diese Weise Gallien wenigstens nicht ganz geräumt. Napoleon fügt hinzu, er habe nicht daran denken können, den direkten Weg durch das land der Häduer, den Herd der Empörung, zu nehmen. Wenn das richtig wäre, so hätten wir das merkwürdige Schauspiel, daß die gegnerischen Heere beide gleichmäßig die Schlacht direkt zu vermeiden gesucht hätten.

War es wirklich so weit, daß Cäsar nicht bloß Gallien räumen mußte, sondern daß er, ohne eine Niederlage im freien Felde erlitten zu haben, dem Feinde aus dem Wege ging? Mußte er schon zurück bis an die Grenzen der Provinz, so wäre es doch immer etwas anderes gewesen, wenn er seine Straße gerade durch das feindliche Gebiet nahm und, indem die Gegner der Herausforderung auswichen, die moralische Überlegenheit behauptete, als wenn er sich so, wie Göler und Napoleon meinen, sozusagen wegstahl.

Die Auslegung Gölers und Napoleons ist aber zweifellos unrichtig. Das Gebiet der Sequaner war den Römern ganz ebenso feindlich wie das der Häduer, und es ist durchaus nicht gesagt, daß Cäsar gerade nach Besançon wollte. Die Stadt war von Natur sehr fest, und es ist nicht anzunehmen, daß sie eine römische Besatzung hatte. Sie hätte also erst belagert und genommen werden müssen, wenn Cäsar sie zu seinem Waffenplatz machen wollte, wozu sie übrigens nicht nur keinerlei besonders vorteilhafte Bedingungen bot, sondern ganz besonders ungünstig gewesen wäre.

Der Marsch Cäsars zu den Sequanern wird also anders erklärt werden müssen. Er selber sagt, er habe diese Richtung eingeschlagen, damit er um so leichter der Provinz hätte Hilfe bringen können. Denn Vercingetorix hatte sich nicht begnügt, gegen das römische Heer direkt zu operieren, sondern hatte auch Einfälle in die Provinz machen lassen, um Cäsar durch diese Diversion aus Gallien herauszumanövrieren. Noch wichtiger als die Hilfe, die er der Provinz zu bringen hatte, war aber für Cäsar jedenfalls die Hilfe, die die Provinz ihm zu leisten hatte, nämlich die geregelte Verpflegung, die die wenigen treugebliebenen Stämme in Gallien seinem gewaltigen Heer auf die Dauer unmöglich liefern konnten. Was Cäsar jetzt brauchte, war eine Stellung, in der er sich verpflegen konnte, die Provinz deckte und aus der er zugleich einen dauernden Druck auf die Gallier ausübte. Er richtete seinen Marsch daher nicht auf Besançon, sondern auf die Saone und zwar in dem freieren Gelände östlich der Côte d’Or über das Plateau von Langres, wo ihm nicht so leicht ein Hinterhalt gelegt werden konnte. An der Saone konnte er das Manöver, durch das er Belgien unterworfen hatte, wiederholen. Wenn er an diesem Flusse etwa bei Auxonne, oder weiter abwärts, wo der Doubs in die Saone fließt, ein festes Lager schlug, so waren die Gallier nicht imstande, ihn daraus zu vertreiben. Auf dem rechten Ufer stehend, hielt er die angrenzenden Völkerschaften, namentlich die Häduer, in unausgesetzter Besorgnis vor einer plötzlichen Invasion, während einige detachierte Legionen die Völkerschaften auf dem linken Ufer, die Sequaner und Helvetier wieder unterwarfen. Vercingetorix hätte ihnen keine Hilfe bringen können, da er weder das Gebiet der Häduer völlig preisgeben, noch auch nur es hätte wagen dürfen, die Saone und den Doubs zu überschreiten auf die Gefahr hin, jenseits von dem ganzen römischen Heer angegriffen zu werden. War dann das ganze linke Ufer erst wieder pazifiziert, so hatte Cäsar eine gesicherte Etappenstraße, die ihn mit der Provinz verband,  ja, er hätte seine Verpflegung mit einigen Vorsichtsmaßregeln auf dem allerbequemsten Wege, zu Wasser auf der Saone, die bis Gray hinauf schiffbar ist, aus der Provinz beziehen können.

Ich glaube, es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dies die strategische Absicht Cäsars gewesen ist, und Vercingetorix hatte eine Vorstellung davon, daß jetzt de Moment gekommen sei, wo er die Entscheidung herbeiführen müsse, indem er Cäsar auf dem Marsche angriff, ehe er die Saone erreichte. Er glaubte durch Reiterangriffe die feindliche Marschkolonne auflösen zu können.273 Diese Angriffe aber mißlangen, und zwar deshalb, weil Cäsar seine durch die jüngsten germanischen Anwerbungen verstärkten Reiter durch die geschlossene Infanterie unterstützte, während Vercingetorix die seine dem Kampfe fernhielt. Die Gallier wurden vollständig geschlagen. Statt seinen Marsch an die Saone fortzusetzen, begab sich das römische Heer nunmehr auf die Verfolgung. Vercingetorix vermochte der Flucht nicht anders Einhalt zu tun, als daß er sich in einen festen Ort, die Stadt Alesia (Alise Ste. Reine auf dem Mont Auxois zwischen Nuits und Dijon) warf. Sofort schloß ihn Cäsar hier ein, um ihn zu belagern; da die Gallier das Feld geräumt hatten, so hatte er auch Raum und Zeit, das Belagerungsheer, wenn auch nur mit Mühe,274 zu verpflegen.

Nun kam ein großes Aufgebot aller gallischen Stämme zusammen, um das in Alesia eingeschlossene Heer zu entsetzen. Die große Schlacht, ohne die es keine großen Entscheidungen gibt, mußte jetzt geschlagen werden. Aber wenn schon vorher Vercingetorix sich nicht getraut hatte, seine Infanterie im offenen Felde gegen die Legionen zu führen, so war der Sieg jetzt für die Gallier nur noch mehr erschwert.

Cäsar hatte die Zwischenzeit von 5-6 Wochen von der Einschließung bis zur Ankunft des Entsatzheeres benutzt, nach beiden Seiten eine Befestigung anzulegen. Napoleon III. hat Nachgrabungen machen lassen, die fast den ganzen Zug dieser Befestigungen aufgedeckt haben und mit den Angaben des Bellum gallicum völlig übereinstimmen. Die Contravallationslinie war etwa 16 Kilometer lang, die Circumvallationslinie 20; wo es über das freie Feld ging, erschwerten künstliche Annäherungshindernisse aller Art, Fußangeln, Wolfsgruben mit spitzen Pfählen in acht Reihen schachtbrettartig hintereinander, endlich Verhacke den Angriff.

Für die Beurteilung der Entscheidungsschlacht fehlt uns leider noch mehr als früher das wichtige Moment der Stärke. Cäsar hatte 11 Legionen, numidische und kretische Schützen und germanische Reiter und Doppelkämpfer, im ganzen wohl 70000 Mann. Für die Gallier gibt er in Alesia 80000, das Entsatzheer auf 250000 Mann zu Fuß und 8000 Reiter an. Da wir seine Übertreibung bei feindlichen Heereszahlen bereits kennen, so werden wir uns auch auf diese Angabe nicht verlassen dürfen, und namentlich die 80000 Eingeschlossenen sind schon oft angezweifelt worden. 20000 Mann genügten zur Verteidigung des Platzes, und es wäre sehr verkehrt von Vercingetorix gewesen, mehr zu behalten, da er nur wenig Lebensmittel hatte. Da uns Cäsar überdies berichtet, daß er in der Hoffnung auf die Überlegenheit seiner Reiterei ein allgemeines Aufgebot des Fußvolks gar nicht veranstaltet hatte und er vor der Vollendung der römischen Befestigung noch Raum hatte, seine Reiter aus Alesia fortzuschicken, so dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß er auch an Fußvolk nur das Notwendige, also allerhöchstens 20000 Mann bei sich behalten hatte.

Die für das Entsatzheer angegebenen 250000 Mann zu Fuß und 8000 Reiter scheinen auf den ersten Anblick nicht unglaublich. Fast ganz Gallien, eine Volksmasse von wenigstens 4, vielleicht 8 Millionen Seelen mit 1 bis 2 Millionen Männern, beteiligte sich an dem Kampf; die könnten für die letzte, entscheidende Schlacht um die nationale Freiheit wohl 250000 Krieger ins Feld geschickt haben.

Aber man überlege, was ein Heer von einer Viertelmillion bedeutet. Es wäre dreimal so groß gewesen als das größte Heer, von dem bis dahin die beglaubigte Weltgeschichte zu erzählen weiß, dem römischen Heer bei Cannä. Wäre ein gallischer Feldherr imstande gewesen, mit einem Heer von 250000 Mann zu operieren, so bliebe es ein unverzeihlicher, ein ganz unbegreiflicher Fehler des Vercingetorix, nicht von vornherein das Aufgebot veranstaltet und mit solcher Überlegenheit die Feldschlacht gesucht zu haben.

Wir sind aber genötigt, noch einen Schritt weiterzugehen und zu sagen, daß nicht nur 250000 Mann ein Aufgebot gewesen wäre, mit dem kein gallischer Feldherr mehr hätte operieren können, sondern daß auch die Vorstellung, eine so große Volksmasse wie die Gallier habe leichtlich 250000 Krieger aufbringen können, unrichtig ist. Denn wie viel Krieger ein Volk aufbringen kann, hängt – das haben wir schon bei den Heeren der Perser bemerkt – nicht bloß von der Zahl der Männer, sondern auch von der Kriegsverfassung und den sozialen Zuständen ab. In den uns jetzt genügend bekannten mittelalterlichen Reichen ist irgend eine Beziehung zwischen Heereszahl und Zahl der waffenfähigen Männer nicht mehr herstellbar; die Heereszahl wird bestimmt nicht durch die Volksmasse, sondern durch einen besonderen Kriegerstand. Eben das aber ist die Kriegsverfassung, die uns Cäsar von den Gallilern berichtet. Das gemeine Volk lebe fast im Zustande der Sklaverei, sagt er uns (VI, 13); Krieger seien die Ritter mit ihren Gefolgsleuten. Wir werden anzunehmen haben, daß das nicht für alle gallischen Völkerschaften gleichmäßig zutrifft. Bei den Helvetiern und den gesamten Belgiern wird auch die Masse den kriegerischen Geist noch nicht in so hohem Grade verloren gehabt haben. Auch sonst werden wir die Analogie der mittelalterlichen und der gallischen Kriegsverfassung nicht auf die Spitze zu treiben haben, sondern vorbehalten müssen, daß auch sehr wesentliche, wennschon für uns im einzelnen nicht erkennbare Unterschiede obwalteten. Die Tatsache aber eines besonderen Kriegerstandes über einer unterdrückten und deshalb der Waffen ungewohnte Volksmasse, unterliegt keinem Zweifel.

Um die von Cäsar berichteten gallischen Riesenheere aufzubringen, müßten wir uns also vorstellen, daß der Landsturm aufgeboten worden sei. Ein Landsturm aber aus kriegsungewohnten Leuten ist für den großen Krieg unverwertbar, im Gefecht ohne Nutzen, und durch den Anspruch auf Verpflegung von Schaden. Deshalb sind die mittelalterlichen Heere auch bei den größten Entscheidungen, wie wir noch sehen werden, überaus klein.

Vor Alesia stand es nun insofern etwas anders, als hier alles auf eine unmittelbare Entscheidung ankam; die Schwierigkeit der Verpflegung also für unbestimmte Zeit und unberechenbare Operationen fielen weg, ebenso wie die taktischen Manöver des Gefechts. Ein gewisses Massenaufgebot auch von Landsturm könnte hier angebracht erscheinen. Aber der Verlauf des Kampfes läßt von einer numerischen Überlegenheit der Gallier durchaus nichts sehen. Das hat schon mit seinem scharfen Blick für alles Praktische Napoleon I. erkannt: auch er nimmt an, daß in Alesia Vercingetorix nicht mehr als 20000 Mann gehabt habe, und sagt, die Entsatzarmee kampiere und manövriere nicht wie eine dem Feinde weit überlegene, sondern wie eine gleich starke. Aus dem Verlauf des Kampfes selber also müssen wir auch eine Vorstellung von der mutmaßlichen Stärke der Gallier zu gewinnen suchen.

Am Tage der Ankunft des Entsatzheeres, das südöstlich lagerte, fand ein Reitergefecht statt, in dem nach Cäsar wieder die germanischen Reiter, gestützt auf römische Kohorten, siegreich blieben. Vermutlich haben die Gallier durch dieses Gefecht nur den Anmarsch ihres Fußvolkes decken wollen.

Dann versuchten sie, nachdem sie einen Tag mit Zurüstungen verbracht, einen nächtlichen Überfall auf die Verschanzungen in der Ebene von Laumes, die etwa drei Kilometer breit ist. Als der Überfall abgewiesen wurde, schickten sie in der nächsten Nacht eine Kolonne an den nördlich gelegenen Berg Réa, wo die römische Circumvallation über den Abfall hatte geführt werden müssen und deshalb von oben her besonders vorteilhaft angegriffen werden konnte. Um Mittag begann dann von beiden Seiten zugleich der Sturm, während wie an den vorhergehenden Tagen Vercingetorix zugleich von innen die Contravallation bestürmte. Am Berge Réa drangen die Gallier so mächtig an, daß die Römer im Begriff schienen, zu erliegen; da führte Labienus auf Befehl Cäsars weiter oberhalb, etwa an dem Bach Rabutin, eine Anzahl Kohorten275 und Kavallerie aus der Verschanzung heraus und fiel den Sturmkolonnen in die Flanke und den Rücken. Dieser Offensivstoß entschied. Die Gallier ergriffen zunächst an dieser Stelle, dann auch in der Ebene von Laumes die Flucht; Vercingetorix kehrte mit den Seinen in die Stadt zurück und ergab sich.

Der Umkreis der Contravallation und Circumvallation zusammen betrug, wie wir gesehen haben, etwa 36 Kilometer. Wenn also Cäsars Heer 70000 Mann stark war, so hätte die Beisetzung der ganzen Brustwehr, einen halben Meter auf den Mann, gerade die Armee absorbiert bis auf den letzten Mann.

Die Gallier griffen das erstemal nur in der Ebene von Laumes an, die drei Kilometer breit ist. Wären sie wirklich 250000 Mann stark gewesen, so hätten sie etwa bei einer Front von 2000 mit einer Tiefe von 120 Mann, rechts und links gedeckt durch die Reiterei, gestürmt. Wenn wir uns eine solche Masse überhaupt bewegungsfähig denken könnten, so mußte sie wohl jede Verschanzung nehmen, denn die hinteren Glieder, kaum von den feindlichen Geschossen berührt, drücken die vorderen vor, füllen mit ihnen jeden Graben aus, überdecken jedes Hindernis und würden über einen Damm von Leichen endlich eindringen. Diese Phantasie ist aber nicht realisierbar; eine geschlossene Masse von einer Viertelmillion ist nicht mehr zu bewegen. Die natürliche, selbstverständliche Verwendung der Masse ist vielmehr der mehrfache, geteilte Angriff, und das ist besonders bei der Nacht das gegebene Manöver, da der Feind nicht zu unterscheiden vermag, wo etwa der stärkere, wo der bloße Scheinangriff erfolgt.

5. Kapitel. Vercingetorix

Erst am zweiten Tage erfassen die Gallier den Gedanken der Teilung, aber auch jetzt beschränken sie sich auf zwei Punkte, statt ringsum von allen Seiten zugleich, wo nur ein Zugang war, zu stürmen oder wenigstens zu demonstrieren.

Das ist der zweifellose Beweis, daß sie keine Übermacht gehabt haben, ja wahrscheinlich die erheblich schwächeren gewesen sind. Hätten sie nur 10000 Mann übrig gehabt, um im Rabutintal aufzutreten, so hätten sie damit ihrem Angriff auf dem Mont Réa die Flanke gedeckt, und Labienus hätte den entscheidenden Ausfall nicht machen können. Es war keineswegs bloße Gedankenlosigkeit, die diese Versäumnis verschuldete; Cäsar selbst berichtet uns, die Gallier hätten den ersten nächtlichen Angriff beim Aufgang der Sonne endlich abgebrochen, da sie fürchteten, daß die Römer sie ausfallend in der Flanke angreifen würden.

Napoleons I. Bemerkung, daß die Gegner etwa gleich stark gewesen sein dürften, hat alle Wahrscheinlichkeit für sich, wenn sie nicht für die Gallier schon zu hoch greift. Man muß immer bedenken, daß Cäsar keinen Punkt seiner meilenlangen Linien ganz ohne Bewachung und ohne eine Reserve in erreichbarer Nähe lassen durfte. Er konnte gar nicht anders, als seine Truppen zersplittern; der Feind wählte sich die Punkte, wo er mit seinem massierten Angriff einsetzen wollte, und wo er einsetzte, war mit Sicherheit von der anderen Seite der Ausfall der Belagerten zu erwarten, und die römischen Soldaten standen unter dem moralischen Druck des drohenden Rückenangriffs. Die Verteidigung einer belagernden Armee gegen ein Entsatzheer gehört deshalb zu den schwierigsten strategischen Aufgaben, auch bei gleichen Kräften, und viele Feldherren haben die Annahme des Kampfes in solcher Stellung grundsätzlich als fehlerhaft verworfen. Wir werden in den späteren Bänden dieses Werkes noch oft davon zu sprechen haben.

Wenn es richtig ist, daß bei Alesia die Kräfte numerisch etwa gleich waren, daß also, wenn Cäsar 70000 Mann hatte, etwa 20000 in der Stadt eingeschlossen waren und 50000 Gallier zum Entsatz heranrückten, so geben wir damit dem Heer der Gallier eine Größe, die der eigentliche Kriegerstand auch aus einem so gewaltigen Gebiet sicherlich nicht zusammenbringen kann. Wir dürfen aber annehmen, daß die Ritterschaft sich, wie die Sachsen in ihrem Kampf gegen Heinrich IV., in dieser letzten äußersten Not durch tapfere Gesellen aus der Volksmasse, der hörigen Bauernschaft, verstärkt hat. Viele Ritter saßen ab und stellten sich ein unter das Fußvolk, wie wir daraus schließen dürfen, daß Cäsar die Reiter des Vercingetorix auf 15000, die des Entsatzheeres nur auf 8000 angibt. Die mittelalterliche Kriegsgeschichte erzählt uns sehr häufig von solchem Absitzen der Ritter, um den Fußknechten oder dem Volke voran zu kämpfen.

Ist dies eine zutreffende Charakteristik für die Stärke und Komposition des gallischen Entsatzheeres, so ist damit auch das Verhalten des Vercingetorix in dem vorhergehenden Feldzug völlig verständlich geworden. Der Widerspruch, daß vor Alesia eine gallische Infanterie auftritt, die mit der äußersten Tapferkeit die römischen Verschanzungen bestürmt und daß Vercingetorix sich nicht getraut hat, seine Infanterie den römischen Legionen im offenen Felde entgegenzustellen, ist gelöst.

Das Heer von Alesia ist als das Höchste anzusehen, was die Gallier an Truppen auf einem Punkt zusammenzubringen vermochten. Es kam nur gerade und höchstens dem römischen Heer gleich. Die Römer aber waren den losen Scharen der Gallier in jeder Art Manövrieren, wie in Bewegungen auf dem Schlachtfelde überlegen.276 Ihr durchgebildeter Heeresorganismus, ihre strenge Disziplin ermöglichte es ihnen noch, sich zu verpflegen, wo die wenig geordneten gallischen Heerhaufen ihre Vorräte bald vergeudet hatten. Vercingetorix mußte deshalb auf die Entscheidung durch die rangierte Schlacht verzichten. Eine Überlegenheit, die ihm den Sieg verbürgt hätte, stand ihm nicht zu Gebote, und Cäsar hätte, wenn er sie für einen Augenblick zusammenbrachte, so wenig wie im zweiten Jahr des Krieges bei den Belgiern, die Entscheidung sofort angenommen, sondern das große gallische Heer durch Hinhalten erst wieder zur Auflösung gezwungen. Vercingetorix ließ also das allgemeine, verstärkte gallische Aufgebot gar nicht erst zusammenkommen, sondern begnügte sich mit vielleicht 20000 bis 30000 Mann zu Fuß und erwartete alles von der zusammenberufenen, zahlreichen und tüchtigen gallischen Ritterschaft. Selbst als nun die Gelegenheit zu dem geplanten Überfall kam, wurde das Fußvolk, um es nicht einem Angriff der weit überlegenen Römer auszusetzen, nicht herangeführt. Das war alles gar nicht schlecht gedacht; die vortreffliche Ordnung des römischen Heeres aber, das es verstand, den Troß in der Marschkolonne zu schützen und zugleich seinen Reitern den Rückhalt und die aktive Unterstützung der Infanterie zu gewähren, machte den Plan des Vercingetorix zuschanden. Nun blieb nichts übrig, als der letzte verzweifelte Versuch, es auf eine Belagerung und Entsatzschlacht ankommen zu lassen, die wohl den Vorteil hatte, daß die Gallier mit größeren Massen auftreten konnten; daß Cäsar nicht mehr manövrieren konnte, den Galliern die Wahl des Angriffspunktes überlassen mußte und zwischen zwei Attacken genommen wurde, dafür aber ihnen die furchtbaren Befestigungen entgegensetzte, an denen sich der tapfere Anlauf brach.

Römische Kriegskunst wider Barbaren.

Die Strategie Cäsars in Gallien beruht darauf, daß er die Stärke der Gallier zu vermeiden und die Stärke der Römer stets gegen die Schwäche der Gallier auszuspielen weiß. Die Stärke der Gallier ist die große Zahl mehr oder weniger kriegerisch tüchtiger Völkerschaften. Hätte Cäsar seine Legionen verteilt, um sie alle gleichzeitig zu bekämpfen und nachher ihre Festungen und Hauptstädte mit Garnisonen versehen, um sie im Zaum zu halten, so wären die Römer sicherlich erlegen. Einmal im vierten Jahr, als Cäsar nach einer schlechten Ernte aus Verpflegungsrücksichten sein Heer in verschiedene Winterquartiere verlegte, wurden eineinhalb Legionen von dem Volk der Eburonen überfallen, und da die Führer uneins wurden und sich ungeschickt benahmen, vollständig vernichtet. Mit ihren Hilfstruppen und Reitern werden die anderthalb Legionen gegen 9000 Kombattanten stark gewesen sein.

Im Vercingetorix-Kriege versuchte es Cäsar, als er sah, daß die Gallier die Feldschlacht vermieden, ebenfalls mit einer Teilung; der Erfolg war wiederum eine Niederlage. Cäsar selbst mit dem Hauptheer war nicht stark genug, die Gallier in Gergovia einzuschließen, und ein Handstreich mißlang unter großem Verlust. Nur dadurch daß das ganze römische Heer beisammen war, wurde die Einschließung von Alesia möglich.

Als aber Alesia gefallen war, da wurde es nicht schwer, im Laufe des nächsten Jahres die einzelnen Völkerschaften, die noch widerstanden, zu unterwerfen. Das Meisterstück aber der Strategie Cäsars ist wohl im zweiten Jahre die Unterwerfung Belgiens. Hätten nicht die Nervier noch ihren Überfall versucht, so wären alle diese kriegerischen Völkerschaften so gut wie ohne Kampf unter die schwere Hand der Römer gebeugt worden: nicht etwa, daß Cäsar die Schlacht als solche vermieden hätte, sondern weil er, ehe er auf sie ausging, durch die Zerteilung der feindlichen Streitkräfte den Römern so günstige Bedingungen, nämlich eine so große Überlegenheit in loco schuf, daß die belgischen Völkerschaften es gar nicht mehr auf einen Kampf ankommen zu lassen wagten.

Wenn moderne Völker mit Barbaren zusammentreffen, so ist die Entscheidung von vornherein durch die Waffentechnik gegeben. Im Altertum ist das Verhältnis nicht so einfach.

Es fragt sich, worin die Überlegenheit des römischen Kriegswesens über Barbaren eigentlich bestand. Barbaren haben vor zivilisierten Völkern den Vorzug, daß sie über die kriegerische Kraft der ungezügelten animalischen Instinkte, der Roheit, verfügen. Zivilisation verfeinert den Menschen, macht ihn empfindlicher und mindert dadurch den Kriegswert, nicht etwa bloß die körperliche Kraft, sondern auch den physischen Mut. Auf künstlichem Wege muß dieser natürliche Mangel wieder ersetzt werden. Scharnhorst ist vielleicht der erste gewesen, der es ausgesprochen hat, daß dies das Verdienst der stehenden Heere sei, durch die Disziplin gesittete Völker fähig zu machen, roheren zu widerstehen. Ein beliebiger Haufe Römer, die sonst als Bürger oder Bauern lebten, einem ebenso starken Haufen Barbaren gegenübergestellt, würde ohne Zweifel besiegt worden sein, vermutlich ohne Kampf die Flucht ergriffen haben. Erst die Bildung des fest zusammengeschmiedeten taktischen Körpers der Kohorten machte sie wieder gleich.

Aus Cäsar können wir so direkt nicht mit Sicherheit entnehmen, in welchem Stadium der Entwicklung die Gallier sich zu seiner Zeit befanden.277 Ein ausschließlich kriegerisches Barbarenvolk waren sie seit Generationen nicht mehr. Sie hatten Städte, Industrie, Handel und Wandel. Die nationale Priesterschaft der Druiden war zu einer Art Hierarchie geworden. Das Volk, sagt Cäsar (VI, 13), wird wie Sklaven behandelt: durch Schulden, Steuern und Drangsale bringen die Mächtigen den gemeinen Mann dahin, sich als Hörigen zu bekennen. Diese Mächtigen sind der Kriegerstand, die Ritter mit ihren Dienstmannen, und ein aus der Masse abgesonderter Kriegerstand kann keine Massenheere aufstellen. Was wir aber an der Zahl abgezogen haben, müssen wir der Qualität gutschreiben. Cäsar macht Unterschiede zwischen den verschiedenen Völkern; die Helvetier, die Nervier, die Bellovaker werden als hervorragend tapfer genannt. Gewiß werden solche Unterschiede existiert haben, aber auch bei den Arvernern, Biturigern, Carnuten waren die kriegerischen Tugenden im Volke nicht erloschen, und diejenigen Elemente, die zuletzt im Felde den Römern gegenüberstanden, werden als persönlich unverweisliche Kriegsleute anzusehen sein, ein Kriegertum, das zum Teil auf dem Ehrbegriff eines besonderen Kriegerstandes, zum Teil aber auf den noch fortlebenden kriegerischen Instinkten des Barbarentums beruhte.

Auch das römische Heer bestand nicht aus den von der Kultur am meisten verfeinerten Elementen des römischen Bürgertums. Die Legionen Cäsars, meist in Gallia cisalpina und der Provincia Narbonensis angeworben oder ausgehenden, bestanden zum großen Teil sicherlich aus romanisierten Kelten. Wenn ehedem die römischen Bürger das Heer gebildet hatten, so hatte sich dieser Satz jetzt praktisch nahezu umgekehrt: der Eintritt in das Heer war der Weg zum römischen Bürgerrecht, und das römische Heer entbehrte auch seinerseits nicht der Berührung mit dem Urboden ungebrochener Naturkraft.

Immer aber ist es nur noch eine Berührung – so weit nicht rein barbarische Elemente, wie namentlich die gefürchteten germanischen Reiter dem römischen Heerwesen angefügt waren – im Vergleich zu den Legionaren sind die Gallier noch die vollen Barbaren, und der römische Legionar als Einzelner ist diesen Kriegern nicht überlegen. Es ist kein Grund, anzunehmen, daß eine römische Kohorte von 600 Mann einen gallischen Heerhaufen von gleicher Stärke bei sonst gleichen Umständen besiegt hätte. Wir haben gesehen, wie es Cäsar vermeidet, gegen die numerische Überlegenheit zu kämpfen, im Gegenteil dafür sorgt, daß er selber über die numerische Überlegenheit verfüge. Die Feinheit der römischen Kohorten- und Treffentaktik macht doch nicht so viel aus, um die stürmische Tapferkeit von Barbarenscharen aufzuwiegen, wenn diese noch dazu numerisch überlegen sind. Dies ist ein Satz von fundamentaler Bedeutung für die nächstfolgende Zeit, und wir werden noch in ganz anderen Epochen der Weltgeschichte auf ihn zurückzugreifen haben.

Die Überlegenheit des römischen Kriegswesens beruht hiernach auf dem Heeresorganismus als ganzem, der es gestattete, sehr große Massen auf einem Punkt zusammenzubringen, ordnungsmäßig zu bewegen, zu verpflegen und zusammenzuhalten. Das alles konnten die Gallier nicht. Nicht sowohl die römische Tapferkeit, der die ihrige nichts nachgab, als die römische Masse hat sie erdrückt – wiederum nicht, als ob nicht ihre Masse an sich viel größer gewesen wäre, aber ihre Masse blieb tot, war nicht bewegungsfähig. Die römische Kultur siegte über die Barbarei, denn eine große Masse bewegungsfähig zu machen, ist ein Kunstwerk, das nur hoher Kultur gelingen kann. Die Barbarei ist dessen unfähig. Das römische Heer ist nicht bloß Masse, sondern organisierte Masse, und es kann nur deshalb Masse sein, weil es organisiert, ein vielgestaltiger, lebendiger Organismus ist. Nicht bloß Soldaten und Waffen gehören dazu, Reiter und Fußgänger, nicht bloß Legaten, Tribunen, Centurionen, Legionen, Kohorten, Manipel, Centurien, Disziplin von unten, Führung von oben, Vorhut, Nachhut, Patrouillen, Meldungen, Lagerabstecken, sondern auch der Quästor und sein Heer von Beamten und Kontrolleuren, Ingenieure mit ihren Werkzeugen, geschickt Brücken, Wälle, Blockhäuser, Sturmböcke, Geschütze, Schiffe zu bauen, Intendanten mit ihren Fuhrparks, Armee-Lieferanten mit ihren Agenten, Ärzte mit Lazaretten, Magazine, Zeughäuser, Feldschmieden und endlich das Haupt des Ganzen, der Feldherr, in dem sich angeborene Urkraft vermählen muß mit der Flexibilität und Feinheit des in der Sphäre der höchsten Kultur gebildeten Geistes, um intellektuell alles zu umfassen und von einem Punkt aus in einem Willen zu lenken.

All‘ diese Erkenntnis wird verdeckt und verdunkelt durch die Vorstellung, daß die gallischen Heere, die Cäsar besiegte, ihm stets numerisch vielfach überlegen gewesen wären. Daß Cäsar uns selbst seinen Sieg in dieser Form darstellt, darf man, um es auch an dieser Stelle zu wiederholen, ihm nicht so sehr verübeln, denn der Sieg der Minderzahl über die große Mehrzahl ist einmal die Denk-Kategorie, in der die Menge sich Heldentaten und strategisches Genie vorstellt. Sache der wissenschaftlichen Erkenntnis ist es, durch diese Schale hindurchzudringen zu dem Kern, und das Ergebnis ist keineswegs eine Minderung der römischen und der historischen Feldherrngröße, sondern sie gelangt so erst wahrhaft zur Anerkennung. So lange man 70000 Mann über 300000 siegen läßt, mag man dadurch eine unbestimmte Vorstellung von Tapferkeit und Feldherrntum erwecken, eine rationelle Erkenntnis aber existiert noch nicht. Erst indem man sich sagt, daß der einzelne Gallier dem einzelnen Römer und noch 10000 Gallier 10000 Römern vollauf gewachsen waren, geht uns eine Vorstellung von der Größe der strategischen Aufgabe Cäsars auf, und nun sieht man auch wieder, daß nicht bloß Cäsar über Ariovist und Vercingetorix, sondern Rom über Germanen und Gallier, Kultur über Barbarei gesiegt hat.

Diese Erkenntnis zu finden, mußte erst Cäsars eigene Autorität als Berichterstatter eingeschränkt werden, und es wird manchen Gelehrten geben, dem diese Kritik noch weniger in den Sinn will, als bei Herodot, und der der Sachkritik, die solche Ergebnisse zu Tage fördert, ein prinzipielles Mißtrauen entgegensetzen möchte. Als eine Art Glück ist es deshalb zu betrachten, daß doch wenigstens eine Stelle vorhanden ist, wo Cäsar selber uns das wahre Zahlenverhältnis verrät und der Sachkritik dadurch zu Hilfe kommt. Bei der schwersten Niederlage, die sein Heer in Gallien erlitt, der Vernichtung der anderthalb Legionen durch die Eburonen, fügt er selbst hinzu, an Tapferkeit und Zahl seien die Gegner gleich gewesen, aber die Römer seien von der Führung und vom Glück im Stich gelassen worden (V, 34). Daß dieser Satz in unausgleichbarem Widerspruch mit allen seinen anderen Schlachtschilderungen steht, haben die Forscher längst empfunden. HELLER im Philologus (Bd. 31, 1873, S. 512) nennt den Ausspruch »sinnlos«. »Wie?« ruft er aus, »wie? die Römer sollten den Galliern an Zahl der Kämpfenden gewachsen gewesen sein? Und ohne eine beträchtliche Übermacht ins Feld zu stellen, sollten die Eburonen ein aufs Stärkste verschanztes Lager anzugreifen, sollten trotz der unglücklichen Erfahrungen in fünf Kriegsjahren ein gleich großes Heer der Römer zu überfallen gewagt haben? Kein Militär wird sich das einreden lassen; nur Schulknaben können über eine solche Frage getäuscht werden.« …

Statt »erant et virtute et numero pugnando pares nostri; tametsi ab duce et a fortuna deserebantur« will er, gestützt darauf, daß die Codices »pugnandi« haben, lesen »virtute et  studio pugnandi«, und Meusel in der neuesten Ausgabe weiß sich nicht anders zu helfen, als daß er »erant et virtute et numero pugnandi« vollständig tilgt. Wir unsererseits erkennen jetzt, daß gerade dieser Satz die Wahrheit enthält, daß die Eburonen an Ritterschaft und Landsturm mit einigem Zuzug wohl gegen 9000 Mann, also ebensoviel wie das römische Korps aufbringen konnten, und daß wir nun nicht mehr Cäsars Zahlenangaben einfach zu verwerfen, sondern nur zwischen seinen eigenen widersprechenden Angaben zu wählen haben. Wir nehmen Hellers Argumentation an, kehren die Spitze aber nach der andern Seite: da hier Cäsar selbst berichtet, daß eine gleich starke Schar Gallier die Römer, sobald die Führung einmal versagte, zu überwinden vermochte, so können die Römer nicht in anderen Schlachten die doppelte bis vierfache Überlegenheit stets besiegt haben. Wenn es uns Cäsar selber so dargestellt hat, so schrieb er eben für seine Landsleute, und die Römer waren es gewohnt, Siegesberichte zu empfangen, wie die von Sulla, der bei Chäronea mit 16500 Mann 120000 Mann unter 12 Mann Verlust, oder Lucullus, der bei Tigranocerta mit 14000 Mann278 unter einem Verlust von 5 Toten und 100 Verwundeten 250000, dabei 55000 Reiter, geschlagen haben wollte. Das ist ja immer noch bescheiden gegen die 900000 Perser, die nach Xenophon oder seinem Interpolator von den 13000 Griechen bei Kunaxa besiegt wurden, aber es zeigt doch, daß die Römer ganz wie die Griechen inbezug auf Barbarenheere in einer Art Zahlenhypnose lebten, die auch den Geist der Klügsten verdunkelte. Mag nun Cäsar ebenfalls mehr oder weniger in dem Bann dieser Vorstellung gelebt oder ihr mit Bewußtsein Konzessionen gemacht haben, jedenfalls ist von seinen Zahlenangaben über die gallischen und germanischen Heere nur diejenige über die Euburonen anzunehmen und das Verhältnis römischer zu barbarischer Kriegführung auf Grund ungefähr gleicher kriegerischer Qualität der einzelnen Soldaten zu beurteilen.

Der Satz, den wir gefunden haben, ist so wichtig, daß ich ihn noch einmal umgekehrt formulieren möchte.

Die überlieferte Vorstellung ist, daß Barbarenheere Massenheere seien. Wir haben gefunden, daß umgekehrt Barbaren nicht imstande sind, Massenheere aufzustellen. Selbst wo die Masse kriegsbrauchbarer Männer unzweifelhaft vorhanden war, wie in Gallien, konnte man kein Massenheer aufstellen. Man konnte es nicht bewegen, nicht mit ihm operieren. Die Fähigkeit, große Menschenmassen zu bewegen, ist ein Erzeugnis der Kultur. Menschenmassen sind kein toter Stoff, den rohe Kraft beliebig aufzutürmen vermag. Um Massen zu bilden, bedürfen Menschen der Gliederung, der Organisation. Sieg durch die Masse, was auf den ersten Anblick Sieg durch die bloße Naturkraft zu bedeuten scheint und unter Umständen auch bedeuten kann, muß, wenn die Masse sehr groß wird, gerade umgekehrt Sieg durch den organisierenden und führenden Geist bedeuten.

Ich habe diese Gedanken seitdem noch etwas weiter ausgeführt und auch mit neueren Beispielen belegt in einer akademischen Rede »Geist und Masse in der Geschichte«, Preuß. Jahrb., Bd. 147, S. 193, 1912; ferner in einer in englischer Sprache im Jahre 1913 an der Universität London gehaltenen Serie von Vorlesungen, die unter dem Titel »Numbers in history« bei Hodder & Stoughton, London, Warwick Square erschienen sind.

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