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Linguistik

Deutsches Kauderwelsch in Israel

Juden sind seit etwa dem 3. Jhd. n. Chr. in Deutschland belegt, also seit ca. 1700 Jahren hier heimisch. Und so ist es auch nicht verwunderlich das diese Juden eine eigene deutsche Sprache entwickelten, das Jiddisch. Man nimmt an, dass im Jiddischen 78% Deutsch enthalten ist. Interessant auch, dass in den 1920ern und 1930ern  Jiddisch einige Jahre lang neben dem Russischen, Weißrussischen und Polnischen Staatssprache in Weißrussland war.

Die Tatsache das rund 6% der Deutschen jüdische Wurzeln haben, vernebelt die Erkenntnis das 60% der Ashkenasim deutsche Wurzeln haben. Es war also ein Geben und Nehmen, jahrhundertelang.
Auch im Deutschem gibt es durchaus jüdischen Einfluss. Selbst der spezielle jüdische schwarze Humor färbte auf Berliner ab, oder war es umgedreht? Man weiss es nicht, woher auch. Aber ich hab mich mal auf die Suche gemacht um das gegenseitige Kauderwelsch mal etwas zu beleuchten und dabei stößt man auch einige bekannte aber auch unbekannte Dinge.

Kleines Beispiel für göttlichen Humor:
Ein protestantische Pfarrer kommt in den Himmel.
Gleich am Tor übergibt ihm Petrus einen Volkswagen: „Weil du so brav und treu warst.“
Da begegnet er seinem katholischen Kollegen, der einen BMW fährt. 
„Warum das?“ fragt der Pfarrer, „Ist der mehr wert als ich?“
„Nun ja, du weißt, das Zölibat, die großen Opfer, das muß belohnt werden.“
Dann trifft der Pfarrer einen Rabbi im Rolls-Royce.
„Also der hat kein Zölibat.“ Beschwert er sich bei Petrus „Warum?“
Da legt Petrus legt den Finger auf den Mund: „Pscht! Das ist ein Verwandter vom Chef!“

So stammt z.b. das Wort Kibbuz aus dem Jiddischem, wo es dem deutschem Kietz (im Sinne des berliner Stadtteils, dem jüdischem Viertel) entlehnt wurde. Dies hatte sich in der Germania Slavica aus dem mittelniederdeutschem kitzen (kleine Wohnung) entwickelt und wurde Bestandteil des Berliner Dialekt. Mit dem aufkommendem Zionismus und der Einwanderung von Europäern ins gelobte Land Israel wurde es wie zahlreiche andere deutsche Worte einfach mitgenommen. Zurück blieben jedoch berliner Dialektworte wie Meschugge (verwirrt),  Chuzpe  für Frechheit, Ganove von gannaw (stehlen), kotzen von kozin (reich), Kaff von Kafar (Dorf), mauscheln von maschal (Gleichnisrede), Mischpoke (Verwandtschaft, Bande)

Wie wir wissen ist das heutige Hebräisch eine Wiedererweckung die auf relativ wenige althebräische Sprachzeugnisse beruhen. Dieses noch existierende Althebräisch hatte überhaupt nicht den Umfang einer vollen Sprache, schon gar nicht einer heutigen Sprache, sondern war auf einige tausend Wörter begrenzt. Das reichte nicht aus, um moderne Texte zu übersetzten, schon garnicht wenn sie aus dem Industriezeitalter stammten.
Das Althebräisch wurde daher bei der Wiederbelebung innerhalb weniger Jahre um ca. 500% erweitert, unzwar mit dem was die Einwanderer mitbrachten. Und die wurden größtenteils aus Deutschland vertrieben, bis Hitler auf die Endlösung kam.

Ein Sprachprozess der also in Deutschland 2000 Jahre andauerte, schmolz im modernem Israel auf wenige Jahre zusammen. Von rund 100.000 Worten stammen also nur rund 10%, ca. 10.000 aus dem Althebräischem. Zum Vergleich: Das Deutsche hat rund 1 Mio Worte, von dem vermutlich 80% Entlehnung aus der ganzen Welt innerhalb der letzten 2000 Jahre sind. Viele dieser Wörter sind so lange im Gebrauch das man nur noch raten kann, woher sie mal entlehnt wurdeen. Man nehme nur mal das Wort „Voodoo“. Belgisch Kongo lässt grüßen.

Doch angesichts des Holocaust, der sich nicht nur gegen Juden richtete und der mindestens genauso extrem Unversöhnlichkeit von Juden zu Deutschen, die noch immer 90ig-jährige Nazis jagen. Angesichts junger Israelis die uns Deutsche kollektiv als Nazis betrachten, während sie selbst den Holocaust der Palestinenser praktizieren und freudig an der Waffe dienen. Angesichts dessen das Israel sich der Ächtung von Chemische,  Biologische und Atomare Waffen verweigern.  Angesichts dessen das der Zionismus und Antisemitismus nahezu zum politischen Kampfbegriff von Erpressung wurde,  obwohl dies Worterfindung des 19. Jhd. sind.
Also angesichts einer mehr als schwierigen Beziehung zwischen Israel und Deutschland ist es geradezu ein Kuriosum, wieviel deutsch eigentlich in Israel steckt.

Mehr als 60 Jahre nach Israels Staatsgründung wimmelt die hebräische Sprache immer noch vor deutschen Ausdrücken. Im Hebräischen klingt heute vieles nach Deutsch oder zumindests ähnlich verkorkst wie Plauderdietsch oder Jiddisch.
Zahlreiche Wörter, die jüdische Einwanderer zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts aus ihrer deutschen Heimat mitgebracht haben, sind tief in der Sprache der modernen Israelis verwurzelt. Der israelische Sprachforscher und Journalist Ruvik Rosenthal unterscheidet allerdings strikt zwischen Wörtern, die direkt aus dem Deutschen stammen und solchen, die über das Jiddische ihren Weg nach Israel fanden.

Ein paar Beispiele aus dem israelischem Alltag:
Beim Aufstehen drückt der Israeli morgens im Dunkeln auf den „Schalter“, nimmt einen „Biss“ von seinem Frühstücksbrot und einen „Schluck“ Kaffee.
Nach dem Frühstück fährt der Israeli dann mit dem „Oto“ zur Arbeit und benutzt beim Abbiegen den „Winker“ (vor der Erfindung des Blinker winkte man noch mit der Hand), bei Regen auch den „Wischer“ um die Scheiben zu reinigen.
Kleine Kinder fährt er dann in den „Gan Jeladim“ (eine direkte Übersetzung von Kindergarten), ältere Kiner lernen im „Tichon“ (Technikum als Schule zu verstehen).  Sportliche Schüler machen in der Turnstunde den ganzen „Spagat“ mit.

Im Sommer erlauben die Kinder sich gegenseitig manchmal einen „Leck“ von ihrem Eis. Wenn sie dabei kleckern, müssen sie sich von ihren Müttern mitunter ein rügendes „Fujah“ (Pfui) anhören.
Ältere Leute brauchen nachmittags ihre „Schlafstunde“, um wieder neuen „Schwung“ zu bekommen und „gesunte“ zu bleiben. Bekommen sie dennoch medizinische Probleme, haben diese oft einen deutschen Namen, wie etwa der „Hexenschuss“ oder der „Plattfuss“. Beim Arzt bekommen sie gegen die Wehwehchen ein „Rezept“ verschrieben.

Besonders im Bau- und Ingenieurswesen, der Architektur und Installation kommen fast alle Wörter direkt aus dem Deutschen“, sagt der 64-jährige Rosenthal, dessen Eltern aus Deutschland stammen. Mitgebracht wurden die Ausdrücke insbesondere von der „fünften Alija“, der Einwanderungswelle aus Deutschland stammender Juden nach der Machtergreifung der Nazis 1933.

Arbeitet der Israeli auf dem Bau, hat er dort gelegentlich einen „Spachtel“ in der Hand oder verpasst einem Gebäude einen neuen „Spritz“. Mit seinen Kollegen spricht er auch über Isolierband, Beton, Gummi, Dibel (Dübel), Leiste, Schieber und „Tapet“.
Der israelische Elektriker spricht bei seiner Arbeit von „Erdung“ und „Kurzschluss“, natürlich mit starkem hebräischem Akzent. Bei der Autoreparatur in Israel brauchen auch Deutsche nichtmal mehr ein Wörterbuch, denn fast alle Bezeichnungen klingen merkwürdig vertraut: Auch Palestinenser und aus arabischen Ländern stammende Mechaniker werfen dort lässig mit Ausdrücken wie „Kupplung“, „Kugellager“ und „Drucklager“ um sich.

Viele Fachwörter wie „Schnurgerist“ (Schnurgerüst) und „Stichmaß“ sind allerdings nichtmal mehr dem normalen deutschen Muttersprachler geläufig. Sie wirken wie Überbleibsel aus dem letzten Jahrhundert.
Und die Schrotthändler schreien immer noch lauthals „Alte Sachen, Alte Sachen“, wenn sie mit ihren Pferdekutschen durch Tel Aviv fahren.

Sogar das täglich in E-Mails verwendete @-Zeichen hat in Israel einen deutschen Namen: „Strudel“.
Ein israelischer Ingenieur der aus Wien einwanderte, verlieh dem Zeichen in den 1960er Jahren diesen Namen, weil es ihn an die gleichnamige Teigrolle erinnerte.

Bis heute kommen Israelis selbst auf der Straße kaum an den deutschen Einflüssen vorbei. Viele Israelis wissen daher gar nicht, dass solche von ihnen verwendete Ausdrücke aus dem Deutschen stammen.

Aber wie kommt das?
D
eutsche Juden waren entscheidend am Aufbau des Bildungssystems in Israel beteiligt, daher sind auch viele hebräische Ausdrücke in Schule und Hochschule Übersetzungen aus dem Deutschen, da das Althebräisch diese Dinge gar nicht kannte.

Laut Rosenthal werden heute in der Alltagssprache noch bis zu 300 deutsche Wörter im Alltag verwendet, abgesehen von mehreren hundert Wörtern aus dem Jiddischen, die ihren Ursprung auch im Deutschen haben. Wenn man nun weiss das ein durchschnittlicher Mensch nur rund 1.500 bis 3.000 Wörter im Alltag verwendet, macht das Deutsche und Jiddische einen Sprachanteil von geschätzen 50% der gesamten Alltagssprache in Israel aus.

Rosenthal hat gleich mehrere Wörterbücher verfasst, in auch der deutsche Einfluss im Hebräischen nachgezeichnet wird. Darin werden auch viele Redewendungen wie etwa „Sof tov hakol tov“ (Ende gut, alles gut) erwähnt, die eine direkte Übersetzung darstellen.

Vor 100 Jahren war Deutsch als internationale Wissenschaftssprache so dominant, dass es zwischen Juden im damaligen Palästina sogar zum „Krieg der Sprachen“ kam. Die Hilfsorganisation deutscher Juden beschloss 1913, in der ersten technischen Hochschule der jüdischen Einwanderer – später das Technion (vom dt. Technikum entlehnt) in Haifa – Deutsch als Unterrichtssprache zu verwenden.
Dies löste einen Sturm der Empörung bei Zionisten aus, die Hebräisch als Symbol der Rückkehr des jüdischen Volkes in seine Heimat sahen. Auf Druck der Geldgeber wurde schließlich beschlossen, die Studenten doch auf Hebräisch zu lehren, obwohl die biblischen Sprache nur einen sehr beschränkten technischen Wortschatz bot, also griff man auf Deutsch zurück um das Wissen zu vermitteln.

Recherchiert nach einem Vortrag von Sara Lemel  in der Berliner Literaturkritik

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