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Archäologie

Spektakuläre Funde in der Kirschbaumhöhle

In einer Höhle auf der Nördlichen Frankenalb in Bayern haben Forscher mindestens sieben Tote aus der Eisenzeit entdeckt. Da man für die Eisenzeit hier Kelten vermutet, die irgendwann um 500 BC eingewandert sind, wäre dies eine recht ungewöhnliche keltische Bestattung. Normalerweise bestatteten Kelten in dieser Region ihre Verstorbenen unter künstlich aufgeschütteten Hügeln – und zwar egal, ob arm oder reich. “ Hinz und Kunz bekam seinen Hügel oder ein kleines Urnengrab zwischen diesen Grabmonumenten“, meint Seregély der Grabungsleiter. Woher kamen die Toten? „Siedlungen haben wir in der Umgebung noch nicht gefunden“. Allerdings hat in der abgelegenen Region auch noch niemand intensiv danach gesucht. „Dass wir keine kennen heißt noch lange nicht, dass es keine gab“, meint Seregély. Jetzt sollen modernste Methoden helfen, das Geheimnis zu klären.

Doch die Kirschbaumhöhle im Fränkischen Karst entpuppte sich weiterhin als kleine Sensation. Nicht nur das man hier einen unberührten 2500 Jahre alten Fundort hat, es gab noch mehr Überraschungen.
Denn mittlerweile sind die Knochenfunde, die bisher in der obersten Lage der Höhle entdeckt wurden, in Bezug auf ihr Alter analysiert worden. Im Moment sind Skelettreste von sieben Menschen, fünf Erwachsenen und zwei Jugendlichen, neun Haustieren, drei Wildtieren und Nagern sowie 30 unbestimmbare Knochenfragmente geborgen worden.

Drei der Funde, zwei Jugendliche sowie ein Mann, datieren die Forscher in die Eisenzeit, also ca. 760 – 400 v. Chr., was die Archäologen eigentlich für alle Knochen erwartet hatten. Doch bei einer Frau fiel die Altersdatierung in die Epoche der frühen Bronzezeit, zwischen ca. 1980 und 1740 v. Chr. Eine weitere Frau sowie einen Mann datierten die Archäologen in die Zeit zwischen 2910 und 2660 v. Chr. und somit in das Endneolithikum. Sie gehörten zur schnurkeramischen Kultur die in Oberfranken durch den Siedlungsfund vom Motzenstein bei Wattendorf besser untersucht werden konnte. »Auf jeden Fall sind drei prähistorische Epochen in der Höhle vertreten«, stellt Ausgrabungsleiter Seregély erfreut fest.

„Das ist so eine Höhle, von der man träumt“, gibt der Ur- und Frühgeschichtliche Archäologe und Projektleiter der Ausgrabung, Timo Seregély von der Universität Bamberg. Und dabei hat er bereits Erfahrung in der Jungfernhöhle sammeln können, wo sich eine Chamer Gruppe (3650-3350 BC) befand die damals in Ostbayern recht aktiv war. Darunter lag jedoch eine weitere Schicht aus der Michelsberger Kultur (4000 -3800 BC).
Ebenso konnte er 2001 den Fundplatz Voitmannsdorf auf die jüngere Phase des Spätneolithikums zwischen 2900 und 2600 v. Chr. der Bernburger Kultur erforschen. Auch hier fand sich daneben noch Fundstücke aus der späten hallstattzeit bzw. Frühlatènezeit. Nun dürfte er in der Kirschbaumhöhle einen weiteren Fund aus beiden Epochen gemacht haben.

Doch fast alle Höhlen der Region wurden bereits im frühen 20. Jahrhundert ausgegraben, als die Forschung noch lange nicht die Möglichkeiten hatte, die ihr heute zur Verfügung stehen. So gingen viele Informationen für immer verloren. Die Kirschbaumhöhle bietet nun eine einmalige Gelegenheit. „Noch nie gab es die Möglichkeit, eine Schachthöhle auf diesem allerneusten Stand der Technik zu untersuchen“, freut sich Seregély.

Due Forschungsgruppe Fränkischer Karst e.V. hatten die Höhle 2010 entdeckt – und unberührt gelassen. Sie meldeten den Fund dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Damit keiner der Funde kontaminiert wird, gehen die Wissenschaftler nun nur mit Schutzanzügen in die extrem enge Höhle.

In Zusammenarbeit mit dem Restaurierungswissenschaftler Gerhard Gresik erfassten die Forscher die Höhlenstruktur und die oberste Knochenlage zunächst mit Hilfe eines hochpräzisen terrestrischen 3D-Scanners. Damit kann genau dokumentiert werden, welcher Knochen wo und wie liegt. Das ist neu: „Es ist das erste Mal, dass überhaupt ein 3D-Scanner in einer Schachthöhle eingesetzt wird.“

Die Knochenfunde sollen in einer nächsten Phase mittels eines Stereo-3D-Scanners mit Farbinformationen erfasst und in einer Datenbank archiviert werden. Mit dieser genauen Methode lässt sich noch die kleinste Veränderung am Knochen feststellen. Wurden die Knochen nach dem Tod manipuliert? Gibt es Hinweise auf Krankheiten oder besondere Belastungen zu Lebzeiten? Haben die Knochen Brandspuren?

So hoffen die Forscher, am Ende die Geschichte der Toten rekonstruieren zu können. Ihre Schädel lagen an der Oberfläche des Höhlenbodens. „Wir vermuten aber, dass da noch viel mehr Menschen drin liegen“, sagt Seregély. Wurden die Toten vielleicht geopfert? Oder versteckten sie sich? Litten sie an einer Seuche oder starben sie daran? Wahrscheinlich sind zwei Schafe während der Eisenzeit auch komplett in die Höhle gelangt, da sich Knochen des gesamten Körpers auf kleinem Raum konzentrierten. Unsicherheit bezüglich der Vollständigkeit besteht noch bei den drei Rindern, drei Hunden, einem Schwein und einem Rothirsch. Eine Wildkatze (Eisenzeit) und ein Feldhase sind vermutlich auf natürlichem Wege in die Höhle gelangt und dort verendet. Außer den Altersdatierungen haben die Forscher zudem das Ernährungsverhalten der Menschen untersucht. Mit der Bestimmung der Isotopenverhältnisse in den datierten Knochen stellten sie fest, dass bei den Menschen des Endneolithikums tierische Nahrung eine bedeutendere Rolle gespielt hat als bei den eisenzeitlichen Individuen.

Derzeit finanzieren die Oberfrankenstiftung, der Landkreis Forchheim, das Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und die Gesellschaft für Archäologie in Bayern e.V. das Projekt. Für die kommenden Arbeiten hofft Seregély, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und auch andere Stiftungen und Förderer aus Kultur und Wirtschaft für die Kirschbaumhöhle begeistern zu können.

Ihren Namen bekam sie übrigens von dem kleinen Kirschbäumchen, das über ihrem Eingang stand. Die genaue Stelle ist aber aus Schutz vor Plünderern streng geheim. Und auch den Kirschbaum gibt es nicht mehr.

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