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Religion

Mitgliederschwund der Kirchen

Mitgliederschwund der Kirchen unaufhaltsam

Die christlichen Kirchen in Deutschland müssen selbst bei intensiven Reformbemühungen weiter mit sinkenden Mitgliederzahlen rechnen. Das prognostiziert Religionssoziologe Detlef Pollack vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster. „Der Mitgliederschwund ist nahezu unaufhaltsam. Auch Reformsignale von Papst Franziskus und Neuerungen in den evangelischen Landeskirchen halten den Trend nicht auf.“

Gott sei Dank muss man da sagen, denn Religion ist Opium fürs Volk. Gläubige sind in aller Regel viel leichtgläubiger und weniger kritisch.

Schwerer als der Einfluss aller kirchlichen Bemühungen wiege die Entwicklung im gesellschaftlichen Kontext der Kirchen. „Das Wohlstands- und Bildungsniveau ist so hoch und die soziale Absicherung so gut, dass immer weniger Menschen die seelsorglichen und sozialen Angebote der Kirchen nachfragen.“

Offensichtlich begreifen immer mehr Menschen das Beten allein nicht hilft soziale Mißstände zu beseitigen. Priester die Wein saufen und Wasser predigen sind ebenso unglaubwürdig wie Politiker die den Gürtel enger schnallen und Rettungspaket für Banken schnüren.

Die Zahl der Kirchenmitglieder und Kirchgänger in Deutschland geht seit Jahrzehnten kontinuierlich zurück. Während es 1949 in Deutschland Ost und West fast nur Protestanten und Katholiken gab, sind heute etwa je ein Drittel der Bevölkerung Katholiken, Protestanten und Religionslose. Zehn Prozent gehören etwa Islam, Judentum und Orthodoxie an.
Seit 1990 treten aus der evangelischen Kirche jährlich etwa 0,7 Prozent der Mitglieder aus, aus der katholischen Kirche im Schnitt 0,5 Prozent. Nur für das Jahr des Missbrauchsskandals 2010 sei ein Ausschlag von 0,73 Prozent festzustellen; andere kirchliche Ereignisse wie der Papstwechsel zeigten kaum Einfluss. „Diese Austrittszahlen summieren sich über die Jahre auf Millionen Menschen.“

„Die Kirchen gehen längst auf die Menschen ein“

Ein entscheidendes Motiv für die Kirchenaustritte sind finanzielle Erwägungen, wie der Forscher sagt. „Man fühlt sich oft seit Jahren nicht mehr eng mit der Kirche verbunden und entscheidet sich dann in einer Situation des finanziellen Engpasses für den Austritt, um die Kirchensteuer einzusparen.“
Außerdem sei es durch die Wiedervereinigung 1990 und durch den hohen Anteil an Konfessionslosen im Osten kein Minderheitenphänomen mehr, keiner Kirche anzugehören. Das habe viele Menschen auch im Westen zum Nachdenken gebracht, wo die Kirchenaustritte seitdem stark anstiegen.

„Solche gesellschaftlichen Prozesse, wie auch der Zuwachs an Wohlstand und individueller Freiheit, wiegen als Gründe für den Mitgliederschwund wesentlich schwerer als alle Versuche der Kirchen, mehr auf die Menschen einzugehen. Tatsächlich zeigen sich die Kirchen – von den Gemeinden bis zu den Bischöfen – längst viel offener für die moderne Gesellschaft als früher, sie gehen auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen ein, auf ihr Bestreben nach Autonomie, Transparenz und Mitbestimmung. Der neue Papst vollzieht da etwas nach, was auf Gemeindeebene häufig schon geschieht.“

Engagierte Kirchenmitglieder wird das auch stärker an die Kirchen binden. „Doch zugleich lassen sich weitere Austritte damit nicht verhindern. Die Kirchen beweisen also großen Realitätssinn, wenn sie für die Zukunft vorsorgen und ihre Gemeinden zusammenlegen, Gebäude aufgeben und Einsparungen vornehmen.“

Ein Ende der Kirchen ist leider nicht in Sicht

Pollack meint auch, dass die Kirchen bei Beerdigung und Taufe weiterhin „eine hohe Bedeutung“ für die Menschen besitzen. Auch wenn eine Mehrheit sich heute nicht mehr kirchlich trauen lasse, seien die Kirchen wichtig bei Lebenswenden sowie der Begleitung von Kranken und Alten. „Viele wollen nicht, dass sie einfach verschwinden. Es soll sie geben, damit man auf sie notfalls zurückgreifen kann, auch wenn man sie aktuell vielleicht nicht benötigt. Auch fällt es den Menschen schwer, aus der christlichen Tradition, in der ihre Familien stehen, einfach auszusteigen. Ein Ende der Kirche ist also so bald nicht in Sicht“. Und auch wenn das Interesse an anderen Religionsformen eine steigende Tendenz aufweise, praktiziere nur ein geringer Bruchteil der Menschen nichtchristliche oder spirituelle Alternativen.

Anlässlich der Vorstellung der Befunde des von der Bertelsmann Stiftung erstellten Religionsmonitors 2013 stellt Detlef Pollack fest: „Die Kirche ist stark im Bereich Familie. Das bedeutet: kirchliche Schulen und Kindergärten ausbauen, die Taufbereitschaft junger Eltern fördern, Familiengottesdienste stärken! Der Weihnachtsgottesdienst ist auch deshalb so gut besucht, weil Weihnachten für viele vor allem ein Familienfest ist. Angebote, die Familien anziehen.“

50 % der Deutschen lehnen die Aussage ab, dass der Islam in die westliche Welt passe. Bei den Konfessionslosen sind es sogar 56 %. Aber auch 18 % der Muslime in Deutschland und 25 % der Befragten in der Türkei sind dieser Auffassung.
Generell haben ältere Menschen eher Bedrohungsgefühle gegenüber dem Islam.
Religiösere Menschen (die häufiger beten und sich selbst als religiöser bezeichnen) sind grundsätzlich anderen Religionen gegenüber offener. Aber diejenigen Menschen, die in ihrer Religiosität eher dogmatisch sind, d.h. davon ausgehen, dass in religiösen Fragen nur die eigene Religion Recht hat, neigen in Westdeutschland dazu, weniger offen für andere Religionen zu sein und den Islam als bedrohlich wahrzunehmen.

19% der Muslime in Deutschland sind der Auffassung, dass nur ein Politiker, der an Gott glaubt, für ein Amt geeignet ist. Dies meinen auch 12% der Christen und 5% der Konfessionslosen im Westen.

Dass eine Schwangerschaft abzubrechen grundsätzlich erlaubt sein sollte, meinen in Westdeutschland 54% und in Ostdeutschland 69%. Bei Konfessionslosen (73%) und Protestanten (62%) spricht sich jeweils eine klare Mehrheit für legalen Schwangerschaftsabbruch aus, wohingegen bei Katholiken (46%) und Muslimen (35%) nur eine Minderheit diese Auffassung vertritt.

In Ost- und West sagen 78% bzw. 75% der Befragten, dass Homosexuelle die Möglichkeit haben sollten zu heiraten. Auch zwischen den christlichen Konfessionen gibt es hier keine nennenswerten Unterschiede. Die größte Zustimmung gibt es bei den Konfessionslosen, hier wird die Homo-Ehe von 87% begrüßt. Einzig die muslimischen Befragten stimmen der Heirat von Homosexuellen nur mit 48% zu.

Insgesamt eine noch größere Zustimmung erfährt die Aussage, dass ein unheilbar Kranker, wenn er es ausdrücklich wünscht, dass Recht habe zu sterben. 83% im Westen und 88% im Osten stimmen dieser Aussage zu. Katholiken (86%), Protestanten (83%) und Konfessionslose (90%) weisen zwar kleine Abweichungen auf, stimmen der Aussage aber mit deutlicher Mehrheit zu. Wiederum sind es die muslimischen Befragten, die hier mit einer Zustimmung von 42% deutlich abweichen.

Materialistische Werte wie Sicherheit und Tradition finden sich in Deutschland eher bei Älteren, Hedonismus (im Leben Spass haben) ist dafür stärker bei Jüngeren ausgeprägt. Hilfsbereitschaft ist in allen Altersgruppen in etwa gleich geschätzt und insgesamt der Wert mit der höchsten Zustimmung. Im Vergleich zwischen den Religionen zeigt sich, dass Muslime in der Regel immer die stärkste Ausprägung aufweisen und Konfessionslose tendenziell die niedrigste.

In Deutschland vertritt die Gruppe der über 60 Jährigen sowohl am stärksten Werte der Tradition als auch der Sicherheit. Bei den 31-60 Jährigen erhalten diese Werte eine etwas geringere Zustimmung und am geringsten ist sie bei den 16-30 Jährigen. Bei Hedonismus (im Leben Spass haben) ist es genau umgekehrt.

Die Befunde sprechen für einen kontinuierlichen Wertewandel, wie er auch bereits in anderen Studien belegt wurde: von Sicherheits- und Traditionswerten einer Gemeinschaft hin zu Werten des Individualismus und der Selbstentfaltung.

Jeweils 96% der Befragten in Deutschland geben an, dass sie in der Familie gelernt haben „alle Menschen gerecht zu behandeln und sich an Regeln zu halten“.
Regelbefolgung wurde ebenfalls in der Schule (94%) und im Freundeskreis (72%) vermittelt.
In der religiösen Gemeinschaft hingegen haben dies nur (64%) der Befragten erfahren.
Gerechtigkeit war ebenfalls in der Schule (86%) und im Freundeskreis (80%) ein wichtiger Wert.
Auch hier liegt die Religionsgemeinschaft mit 67% am Schluss.
Hinsichtlich der Werte „unabhängig sein“ und „sich durchsetzen“ hat die Religionsgemeinschaft nur bei jeweils 37% der Befragten eine Rolle gespielt.
Auch hier liegt die Familie mit 82% für Unabhängigkeit und 80% für Durchsetzung vorn.

Das belegt das die Werte einer Gesellschaft über Familie und Schule sowie Freunde vermittelt werden, nicht jedoch von Kirchen.

Europa ist deutlich weniger religiös als Nord- und Südamerika sowie Indien und die Türkei. Verglichen mit anderen Aspekten des Lebens spielt Religion in Europa insgesamt eher eine nachgeordnete Rolle. Deutschland ist gespalten:
Ostdeutschland ist die säkularste (unreligiöse) Region, die im Religionsmonitor vertreten ist, während Westdeutschland im europäischen Mittelfeld liegt.
Verglichen mit Deutschland und Europa hat Religion in anderen Erdteilen eine deutlich größere Bedeutung. Deshalb ist es von entscheidender Wichtigkeit, Religion besser zu verstehen: Auf anderen Kontinenten prägt sie deutlich stärker den Alltag. Wir in Europa haben das Gespür für die Bedeutung von Religiosität in Teilen verloren.

Der Anteil derjenigen, die angeben „gar nicht religiös“ zu sein, ist in Israel (45%) und Schweden (44%) am höchsten und in der Türkei (3%) sowie Brasilien (9%) am niedrigsten. In Gesamtdeutschland liegt er bei 23% – im Osten jedoch bei 49%.

Als Atheisten würden sich in Frankreich 44% und in Südkorea 39% der Befragten bezeichnen. In Gesamtdeutschland sind es 22 % die dieser Aussage tendenziell zustimmen (in Ostdeutschland 46%).

Von den heute über 65 Jährigen haben in Westdeutschland 69% und in Ostdeutschland immerhin 45% eine religiöse Erziehung genossen. Im Osten ist der Anteil der religiös Erzogenen über die Jahrzehnte massiv zurückgegangen. Von den Ostdeutschen, die heute zwischen 36 und 45 Jahre alt sind, haben nur noch 18% eine religiöse Erziehung erhalten. Von den gleichaltrigen Westdeut-schen waren es immerhin noch 45%. Heute haben sich die Anteile weiter reduziert und Ost- und Westdeutschland weiter angenähert: Von den 16-25Jährigen erhielten 25% in West- und 12% in Ostdeutschland eine religiöse Erziehung.
Die religiös Erzogenen in Westdeutschland glauben im Vergleich zu denen, die keine religiöse Erziehung hatten, mehr als doppelt so häufig an Gott und empfinden Religion mehr als dreimal so häufig als wichtig in ihrem Leben. Im Osten glauben die religiös Erzogenen sogar dreimal so häufig an Gott und empfinden Religion sogar viermal so häufig als wichtig in ihrem Leben, als die nicht religiös Erzogenen.

Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Religiosität im internationalen Vergleich

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