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Zum Gedenken an Russell Means

russel means
Am 22. Oktober 2012 starb im Alter von 72 Jahren Russell Means, das wohl bekannteste Mitglied von AIM, dem American Indian Movement. Russell Means war ein schillernder und abenteuerlicher Aktivist, der sich bis zu seinem Lebensende mit viel Mut für das Überleben seiner Kultur und Gerechtigkeit im Ausgleich für das erlittene Leid der Ureinwohner Nordamerikas einsetzte. Seine Protestschriften und Aktionen zeugen von seiner großen Kreativität. Während seines politischen Engagements schreckte er auch vor bewaffneten Auseinandersetzungen nicht zurück.

Das erste Mal politische aktiv wurde Means, der zu den Oglala Sioux gehört, als er zusammen mit anderen Indianern die Insel Alcatraz besetzte, nachdem diese von den USA nicht mehr als Gefängnisinsel benutzt wurde. Im Vertrag von Fort Laramie war 1868 zwischen dem Stamm der Sioux und den USA festgehalten worden, dass Land, das nicht mehr staatlich genutzt wurde, den Indianern zurückgegeben werden musste. Die Aktivisten forderten die Rückgabe der Insel in Stammesbesitz. Am Anfang war das Medieninteresse groß, Präsident Nixon ermöglichte neue Gesetze zur politischen Selbstverwaltung von indianischen Stämmen. Die Besetzung wurde 1971 friedlich beendet, doch die Aktivisten gaben sich mit den halbherzigen Zugeständnissen nicht zufrieden.

Zur gleichen Zeit entstand vor allem in den Großstädten wie Minneapolis eine neue Bewegung, die sich gegen die zerstörerischen Einflüsse von Alkohol und Arbeitslosigkeit unter den Indianern in den den Städten richteten. Lange Zeit hatte die US-Regierung die Umsiedlung Indigener in die Städte gefördert, weil dort angeblich die Jobaussichten besser seien. Tatsächlich erwarteten die Menschen dort Verwahrlosung und rassistische Übergriffe, vor allem durch die Polizei. Russell Means gehörte zu den jungen Männern, die sich AIM anschlossen. In Europa weitgehend unbeachtet, setzte sich AIM vor allem für die Verbesserung der Lebensumstände ein. Ihr Ziel war es, kulturelles Wissen wie Sprache, Rituale, Gesänge und Geschichte, das endgültig verloren zu gehen drohte, zu bewahren. Hervorgegangen war die Bewegung aus der Zivilisationskritik von Jacks Forbes, dessen Buch „Kolumbus und andere Kannibalen“ zum ersten Mal in deutlicher Sprache auf den Genozid an den Indigenen Nordamerikas hinwies. Seine theoretischen Ansätze wurden später von Vine Deloria in seinen Büchern „Custer died for your Sins“ und „God is red“ aufgegriffen und weiter entwickelt.

Im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen der 1970er Jahre erhielt AIM Zulauf auch aus anderen Teilen der Bevölkerung, auch in den Reservaten selbst fanden sich immer mehr Anhänger. Die Proteste richteten sich gegen die Bevormundung des Bureau of Indian Affairs, das einst aus dem US-amerikanischen Kriegsministerium hervorgegangen war und später dem Innenministerium unterstellt wurde. Die Indian Agents verwalten das in gemeinsamen Stammesbesitz gegebene Land und sind bis heute für Gesundheits- und Erziehungsangelegenheiten verantwortlich. AIM forderte, dass sowohl indigene Sprachen als auch traditionelle Fertigkeiten bewahrt und weiter gegeben wurden, die Selbstbestimmung über Schulen und Universitäten, und in zivilen und politischen Angelegenheiten. Vor allem die ungerechte Behandlung von Verbrechen gegen Indianer bzw. die diskriminierende Rechtsauslegung bei Verbrechen, in denen Indianer verwickelt waren, kritisierten die Mitglieder.

Die erste spektakuläre Aktion von AIM war 1972 der Trail of Broken Treaties, der an den Trail of Tears von 1833 erinnerte, in dem die Indianer des Südostens in das karge Gebiet des heutigen Oklahoma vertrieben wurden. Mehrere zehntausend Menschen starben auf dem entbehrungsreichen Zug, der von Historikern als „Todesmarsch“ bezeichnet wird. Zentrale Forderungen waren mehr Selbstbestimmungsrechte, Gesetze zum Schutz indianischer Kultur, Schutz vor dem Abverkauf von Reservationsland an Nichtindigene und das politische Mitbestimmungsrecht von Stämmen, die die USA nicht also solche anerkannte.

Ziel des Protestzugs, der quer durch Amerika führte, war Washington, wo es zu einer tumultartigen Besetzung des Bureau of Indian Affair kam. Im Zuge des neuen gesellschaftlichen Verständnisses und anderer sozialer Bewegungen erhielt AIM auch von Prominenten wie Marlon Brando, der 1973 aus Solidarität mit dem Protest der Indianer den Oskar für seine Rolle in „Der Pate“ ablehnte.

Russell Means hatte sich gemeinsam mit AIM auch eine Veränderung der öffentlichen Wahrnehmung zum Ziel gemacht, in der Indianer entweder als die ewigen Verlierer des glorreichen Aufstiegs der USA oder aber als „edle Wilde“ betrachtet wurden. Aus dieser Kritik heraus besetzten AIM-Mitglieder zum Beispiel einen Nachbau der „Mayflower“ in Plymouth, mit der die ersten Siedler nach Neu-England gekommen waren.
1973 besetzte AIM den symbolträchtigen Ort Wounded Knee in der Pine Ridge Reservation, dem Geburtsort von Means, wo im Jahr 1890 300 wehrlose Indianer von Soldaten erschossen wurden, die zu den sogenannten Ghost-Dance-Anhängern gehörte. Die AIM-Besetzung selbst richtete sich gegen die korrupte Oglala-Führung unter Chef Wilson, die von den Indian Agents vor Ort protektoriert wurde, obwohl sich die Reservationsbewohner dagegen wehrten. In den Konflikt mischte sich das FBI ein, es kam zu bewaffneten Zusammenstößen, in dessen Folge zwei Beamte ums Leben kamen. Leonhard Peltier, das neben Means prominenteste Gesicht von AIM, verbüßt für den Mord bis heute eine Haftstrafe in Einzelhaft, obwohl seine Rolle in dem Mord nie endgültig geklärt werden konnte. Viele sehen in ihm einen politischen Gefangenen der USA.

Eine zentrale Rolle in der Protestbewegung spielten die Black Hills in der Great Sioux Reservation in South Dakota und Nebraska. Diese Berge gelten bei den Sioux als heilig, vielen Touristen sind sie nur durch die in Stein gemeißelten Präsidenten von Mount Rushmore bekannt. Die Great Sioux Reservation wurde im Vertrag von Fort Laramie gegründet, doch nach Goldfunden in den 1870er Jahren wieder aufgelöst und an Goldgräberunternehmen verkauft. Bis heute halten die Streitigkeiten um die Black Hills an – der Supreme Court erkannte bereits 1980 an, dass die Rücknahme der Reservation gesetzeswidrig war und ordnete eine Ausgleichszahlung an – die die Lakota bis heute zurückweisen. Sie verlangen die Rückgabe der Black Hills.

In den 1990er Jahren wurde Russell Means auch als Schauspieler bekannt – so zum Beispiel in „Der letzte Mohikaner“. Neben klassischen Publikationen wählte Means auch immer kreative Protestformen, so zum Beispiel einen Protesttanz mit dem Titel „Custer died for your sins“, der 1876 in der Schlacht vom Little Big Horn vernichtend von indianischen Kriegern geschlagen wurde.

Um AIM ist es still geworden in den vergangenen Jahren. Mit Russel Means verliert der politische Protest der Indigenen Nordamerikas ein prominentes Gesicht und einen engagierten Aktivisten. Was von Means bleibt, ist ein gemeinsames Protestbewusstsein und ein noch immer offener Katalog an Forderungen an die USA.

Link: Republik of Lakotah

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